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Schwertwale nutzen erstmals Kelp-Werkzeuge für Allokelping

Zwei Orcas spielen mit Algen unter Wasser, während eine Drohne darüber schwebt.

Manchmal braucht eben jeder eine helfende Tang-Hand – oder besser: eine Flosse.

Zum ersten Mal wurde dokumentiert, dass Schwertwale Werkzeuge herstellen und einsetzen: Sie reißen Stücke Kelp ab und nutzen sie, während sie schwimmen, um sich gegenseitig zu pflegen.

Diese neue Beobachtung bei den außergewöhnlichen Tieren (Orcinus orca) ist weit mehr als ein nettes Beispiel wechselseitiger Unterstützung. Sie macht gleich mehrere Facetten von Kognition und Kultur sichtbar – und zwar in einer Form, die man bei Schwertwalen bislang nicht kannte.

Werkzeuggebrauch bei Schwertwalen (Orcinus orca)

Werkzeuge gelten als wichtiger Hinweis auf Intelligenz bei nichtmenschlichen Tieren. Obwohl Wale und Delfine (Zahnwale) als hochintelligent gelten, ist Werkzeuggebrauch bei ihnen vergleichsweise selten belegt – auch, weil sich ihr Lebensraum, der Ozean, nur schwer beobachten lässt. Dennoch gibt es Beispiele: Große Tümmler setzen etwa Meeresschwämme ein, um beim Nahrungserwerb ihre Schnauzen zu schützen.

Schwertwale besitzen das zweitgrößte Gehirn, das in der Natur vorkommt, und zählen zu den intelligentesten bekannten Tieren. Umso bemerkenswerter ist der Nachweis, dass sie ein Werkzeug anfertigen können, das ihren Alltag offenbar erleichtert.

Beobachtungen im Salish Sea: Drohnen liefern neue Details

Michael Weiss, Meereszoologe am Zentrum für Walforschung in den USA, und sein Team untersuchen die vom Aussterben bedrohte Population der Südlichen Residenten im Salish Sea – eine Gruppe mit weniger als 80 Individuen. In den letzten Jahren haben Drohnen die Möglichkeiten, Schwertwale in ihrem natürlichen Lebensraum zu beobachten, deutlich erweitert, und Forschende nutzen diese Chance intensiv.

„Wir begannen, eine neue Drohne einzusetzen, um die Wale zu beobachten; damit konnten wir die Tiere und ihr Verhalten viel detaillierter sehen“, erklärte Weiss.

„Sehr schnell sahen wir Wale, die diese kleinen Kelpstücke trugen und sie zwischen sich drückten. Nachdem wir mehrere Paare an mehreren Tagen bei diesem Verhalten beobachtet hatten, dachten wir, dass hier etwas wissenschaftlich Interessantes passiert.“

Allokelping: Bullentang als Pflegewerkzeug in sozialen Interaktionen

Weiss beschreibt das Phänomen so: „Wir haben festgestellt, dass Südliche Residenten regelmäßig Längen von Bullentang in sozialen Interaktionen verwenden – offenbar als Werkzeug, um einander zu pflegen.“

„Dass die Wale Werkzeuge nicht nur benutzen, sondern auch herstellen – und dass diese Objekte auf eine Weise eingesetzt werden, die bei Meeressäugern bislang nie berichtet wurde –, war unglaublich aufregend.“

In sieben Fällen wurde beobachtet, wie Schwertwale die Enden von Bullentang (Nereocystis luetkeana) abknickten bzw. abrissen und den Stiel anschließend zwischen ihre Körper klemmten. In einem achten Fall nahm ein Schwertwal einfach ein passendes Stück Kelp auf, das in einer Tangmatte trieb.

Während die Paare mit eng aneinanderliegenden Körpern weiterschwammen, rollten sie das Kelpstück über längere Zeit zwischen sich hin und her.

Warum sie das tun, ist noch nicht endgültig geklärt – eine plausible Erklärung liegt jedoch nahe. Einige Zahnwalarten, darunter Schwertwale, tummeln sich gern zwischen treibenden Algenfeldern. Dieses Verhalten wird als „Kelping“ bezeichnet und soll die Haut gesund halten, indem abgestorbene Zellen und Parasiten gelöst werden.

Das neu beschriebene Verhalten, das Weiss und sein Team „Allokelping“ nennen, dürfte eine weiterentwickelte Form dieser Pflege darstellen – eine, die vermutlich mehr bringt, als lediglich durch Kelp zu schwimmen.

„Es sieht eindeutig nach einer sozialen Aktivität aus und könnte – wie andere Formen der Gefieder- bzw. Körperpflege – helfen, soziale Bindungen zu stärken“, sagte Weiss.

„Anders als beim Schwimmen durch eine Tangmatte oder einen Tangwald können Walpaare beim Allokelping gewissermaßen ‚unterwegs‘ bleiben und sich weiter mit dem Rest der Gruppe fortbewegen. Außerdem vermute ich, dass sie bestimmte Körperstellen gezielter erreichen und mehr Druck ausüben können, als wenn sie allein einfach nur durch Kelp schwimmen würden.“

Ökotypen, Kultur und Schutzrelevanz

Obwohl Schwertwale weltweit taxonomisch als eine einzige Art eingeordnet werden, verhalten sie sich keineswegs wie eine einheitliche Gruppe. Verschiedene Populationen – sogenannte Ökotypen – haben eigene Lebensräume, eigene „Sprachen“ sowie unterschiedliche Jagd- und Ernährungsstrategien. Zwischen ihnen gibt es körperliche und genetische Unterschiede; sie mischen sich nicht und kreuzen sich nicht.

Bei anderen Schwertwal-Ökotypen wurde Selbstpflege beobachtet, die ohne Werkzeugherstellung auskommt – etwa indem sie sich an Kiesstränden reiben. Weiss und sein Team gehen daher davon aus, dass Allokelping kulturell spezifisch für die Südlichen Residenten sein könnte.

Der Befund unterstreicht, wie wichtig es ist, diese kleine Population und ihre Lebensbedingungen genau zu erforschen, um sie und ihren Lebensraum wirksamer schützen zu können.

„Überraschend ist, wie viel wir über diese Population trotz sehr detaillierter Untersuchungen seit den 1970er-Jahren noch immer lernen müssen!“, sagte Weiss.

„Um die Entwicklung und die Funktion dieses Verhaltens besser zu verstehen, braucht es dringend weitere Forschung. Uns interessiert sehr, wie Allokelping andere soziale Verhaltensweisen beeinflussen könnte – als Hinweis auf eine Funktion bei der sozialen Bindung. Außerdem möchten wir Allokelping und den Hautzustand über längere Zeit deutlich genauer auswerten, um festzustellen, welchen Nutzen dieses Verhalten den Walen tatsächlich bringt.“

Die Studie wurde in der Fachzeitschrift Aktuelle Biologie veröffentlicht.

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