Heilige Mutter, ist das ein riesiger Lastwagen.
Ja, ist er. So riesig, dass man in den USA fast meinen könnte, jeder Pickup hätte seine eigene Postleitzahl.
Echt jetzt?
Nein, natürlich nicht. Aber gross ist er trotzdem – so gross, dass ich mit ein paar Zahlen einsteigen muss. Entschuldigung vorab, falls du Amerikaner bist und dir das nicht besonders spektakulär vorkommt. Aus britischer Perspektive ist es schlicht absurd: Ein Dodge Ram 2500 misst 6,3 Meter in der Länge, 2,1 Meter in der Breite und 2,0 Meter in der Höhe. Er beansprucht also ungefähr so viel Asphalt wie ein Rolls-Royce Phantom – nur eben ungefähr doppelt so hoch. Oder so ähnlich.
Abmessungen und Einordnung des Dodge Ram 2500
Unterm Strich bringt er rund 3,5 Tonnen auf die Waage, darf 7,7 Tonnen an den Haken nehmen und ist im Kern eher Nutzfahrzeug als Pkw. Wir haben ihn eingesetzt, um einen Dodge Challenger Hellcat zur grossartigen Maryhill Loops Road in Oregon zu ziehen. In dem anderen Zusammenhang wurde der Ram nur am Rande erwähnt – was ihm nicht gerecht wurde. Darum bekommt er hier seine eigene Bühne.
Diesel-Kraftpaket: 6,7‑Liter Cummins und 800 lb ft Drehmoment
Was steckt an Antrieb drin?
Man kann den Ram auch mit einem V8-HEMI bestellen, aber dieses Exemplar hatte aus meiner Sicht die bessere Wahl: einen Diesel. Ja, ich weiss – klingt erst mal „falsch“. Wenn der Ram aber arbeiten soll und zwar richtig, warum nicht mit einem Motor, der 800lb ft Drehmoment bei gerade einmal 1.600 U/min liefert?
Der 6,7‑Liter Cummins-Reihensechszylinder ist nicht gerade ein Muster an Kultiviertheit – nur ist das hier auch nicht der Punkt. Er wirkt, als könnte er die Titanic aus der Tiefe ziehen, ohne überhaupt auf Allrad (4WD) umschalten zu müssen. Angeblich wiegt allein der Motor 499 kg; damit ist er schwerer als unser kompletter Caterham Seven 160.
Unterwegs: Fahren, Ziehen und Alltag mit dem Ram 2500
Und wie fährt sich das?
Die ersten zwei Tage: ehrlich gesagt furchteinflössend. Und das sogar in den USA, wo Parklücken ungefähr 10 Fuss (rund 3 Meter) breit sind und die Spuren auf den Interstates eher an Startbahnen erinnern. Ständig „verschwanden“ kleine Autos vor mir – und mit klein meine ich Dinge wie einen RAV4 – unter der Motorhaube, wie Käfer, die im Kühlergrill gefangen sind. Dazu kam ein Gaspedal, das Befehle eher widerwillig umsetzte, und ein Wendekreis beziehungsweise Lenkeinschlag, der praktisch nicht existent schien.
Abgeholt habe ich ihn in Seattle, wo die aufgeklärten Einwohner inzwischen gerne Tesla und Prius fahren. Gegen deren Verständnis von Mobilität wirkte der Ram… sagen wir: ein bisschen deplatziert. Nur ein bisschen, versteht sich.
Aber irgendwann hattest du ihn im Griff?
Ja. Das Offensichtliche setzt sich durch: Das ist kein Auto, sondern ein Arbeitsgerät. Also fängst du an, ihn auch so zu behandeln – und suchst Aufgaben, bei denen man überhaupt erst an seine Reserven herankommt. Zum Beispiel beim Ziehen.
Wir schleppten den Dodge Challenger Hellcat von Portland nach Maryhills, und weder Trailer noch das schwere Coupé änderten etwas an der Leistungsentfaltung oder am entspannten Reisetempo des Ram. Jedes Mal, wenn ich beschleunigte, musste ich nachsehen, ob der Anhänger überhaupt noch dran hing. Oben an der Loops Road trafen wir dann Zane und seine Longboard-Clique – und auf einmal fühlte es sich völlig logisch an, Jugendliche samt Brettern auf die Ladefläche zu packen und sie hoch zum Startpunkt mitzunehmen. Und Schritt für Schritt fing ich an, dieses Monster zu lieben.
Pickup-Liebe – von einem Briten?
Absolut. Von unserer Seite des Atlantiks lässt sich über Pickups leicht lästern. Vor Ort sah ich aber fast keinen, der nicht Dinge erledigte, die ein Kombi, SUV oder Van so nicht hinbekäme: Motocross-Bikes transportieren, Leute mitnehmen, Holz laden, Tiere befördern, riesige Vieh-Anhänger ziehen, gewaltige Wohnwagen an den Haken nehmen.
In den USA verwischen Pickups die Grenze zwischen Pkw und Nutzfahrzeug – ähnlich, wie es ein Transit in Grossbritannien eben nicht ganz tut. Sie sind so etwas wie das fehlende Bindeglied.
Und wofür habt ihr ihn sonst noch genutzt?
Für Tierbeobachtungen in Yellowstone, für den Transport von Skiausrüstung hoch zum Mount Hood in Oregon, als rollenden Lagerraum für Fahrräder und Gepäck – und sogar, um Kinder einmal um einen Park zu chauffieren. Man sollte meinen, Letzteres sei verboten, aber die Kinder winkten den Polizisten zu, an denen wir vorbeifuhren, und die winkten fröhlich zurück.
Und dort oben auf dem erhöhten „Ausguck“-Fahrersitz, umgeben von „französisches Leder“ (so stand es in der Broschüre), Rückfahrkameras, riesigen Ablagen, verschachtelten Infotainment-Menüs, billig wirkenden Kunststoffen und sehr viel Platz, warst du so stark von der Aussenwelt abgeschottet, dass es fast unwirklich wurde. Bis du den Diesel startest. Leise oder besonders fein ist er nämlich nicht…
Also kein Gegner für den neuesten Ford F150?
Vermutlich nicht. Aber in der Pickup-Rangordnung zählt Robustheit mehr als Feinschliff – und ich halte den Ram 2500 für so zäh, wie sie nur kommen.
Und Langstrecke war auch nicht die ganz grosse Qual: Die 20‑Zoll-Räder stecken in angenehm prallen, ballonartigen Reifen, die genau die Federungsarbeit übernehmen, die das Fahrwerk nicht immer schafft. Ausserdem zwingt dich allein die schiere Grösse zu einem bestimmten Stil. Du gibst im Cockpit ein Kommando – und etwas später, irgendwo weit vorne, passiert dann irgendetwas. Ungefähr. Daran gewöhnt man sich, aber man sollte nicht versuchen, mal eben in enge Lücken im Verkehr zu huschen.
Ausstattung: Ramboxes, Fernstart und DEF (AdBlue)
Gibt’s noch praktische Details?
Die Ramboxes. Das sind Staufächer über den hinteren Radkästen, links und rechts neben der Ladefläche. Jedes ist so gross wie der Kofferraum eines Kleinwagens, wetterfest und abschliessbar.
Mein liebstes Spielzeug war der Fernstart: Ein Knopfdruck auf dem Funkschlüssel, und du konntest den Ram aus rund 100 Yards (etwa 90 Metern) Entfernung starten, ohne die Türen zu entriegeln. Dass es funktioniert hatte, wusstest du, weil du den Motor selbst auf diese Distanz noch gehört hast. Praktisch, um schwarze Sitze an einem heissen Sommertag erst einmal abzukühlen.
Ein paar Funktionen habe ich dagegen kaum angerührt: Ein Schieberegler passte die Bremskraft für den Anhänger an, eine weitere Taste veränderte die Zughöhe, und es gab sogar einen echten dreipoligen Steckeranschluss. Auf dem Armaturenbrett.
Komplett irritiert hat mich allerdings die DEF-Anzeige. Ich weiss jetzt, was „Diesel Exhaust Fluid“ ist – im Prinzip AdBlue. Ich musste nachkaufen und einen zweiten Tank nachfüllen (DEF ist eine Harnstofflösung, die Partikel-Emissionen reduziert). Um so etwas kümmert man sich in einem BMW 320d nicht.
Reichweite, Verbrauch, Versionen und mögliche Rivalen
Gut, und wie weit kam er mit einer Tankfüllung?
Ungefähr 400 Meilen (rund 640 km). Wichtiger ist allerdings, was er pro Gallone anstellt. Mit dem Hellcat am Haken waren es 12.9mpg (britische Gallonen, nicht US-Gallonen), sonst etwa 19-20mpg.
Welche Optionen gibt es?
Eher: Welche gibt es nicht? Der Ram 2500 ist die mittlere Baureihe; darunter sitzt der 1500 als „Light Duty“, darüber der 3500 als „Heavy Duty“. Den 2500 bekommst du in zehn Ausstattungslinien, mit mehreren Kabinenvarianten, zwei Getrieben – und allein dieser Diesel wird mit drei Leistungsstufen angeboten. Einen Ram zu konfigurieren ist komplexer als Kernphysik. Fakt.
Und wer sind die Konkurrenten?
Ich habe lange überlegt, und in Europa fällt mir nur ein Fahrzeug ein, das überhaupt in die Nähe kommt: der 6x6 Mercedes G‑Wagen (G‑Klasse). Und der kostet Hunderttausende Pfund.
Dieser Ram 2500 mit allem Drum und Dran liegt bei $55,710 – ungefähr £35,500. Ein Schnäppchen. Vor allem ist er beeindruckend zweckgerecht. Und darauf kommt es am Ende des Tages an.
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