Als sich die politischen Spannungen mit den Vereinigten Staaten zuspitzen und die Verteidigungsausgaben steigen, gerät Kanadas Kampfjet-Plan durch neue Industrieangebote und harte militärische Bewertungen zunehmend unter Druck.
Wie Kanada dazu kam, den F‑35‑Deal neu zu überdenken
Im Jahr 2022 entschied sich Kanada für die in den USA gebaute F‑35A als Ersatz für die in die Jahre gekommenen CF‑18 Hornet – der vorläufige Schlusspunkt einer langen und politisch aufgeladenen Beschaffungsdebatte. Vorausgegangen war ein Wettbewerb, in dem Saabs JAS‑39 Gripen E/F als wichtigster Herausforderer galt. Boeings F/A‑18 Super Hornet schied aus, während sich Dassaults Rafale und das Eurofighter‑Konsortium bereits zuvor aus dem Verfahren zurückgezogen hatten.
Anschliessend legte sich Ottawa auf den Kauf von 88 F‑35A von Lockheed Martin fest. 16 Flugzeuge sind bereits verbindlich bestellt. Auf dem Papier hätte der Rest des Pakets als Formsache gelten können.
Doch im März 2025 kam Bewegung in das Vorhaben. Vor dem Hintergrund diplomatischer und handelspolitischer Auseinandersetzungen mit Washington liess die kanadische Regierung erkennen, dass sie den F‑35‑Kauf noch einmal prüfen werde. Damit war der politische und militärische Streit um die künftige Ausrichtung der kanadischen Luftstreitkräfte sofort wieder eröffnet.
Ein hartes militärisches Urteil zu Gripen vs. F‑35
Die Royal Canadian Air Force (RCAF) hat ihre Präferenz unmissverständlich gemacht: Sie will alle 88 F‑35A – und keine gemischte Flotte, in der auch europäische Jets betrieben werden.
Interne Bewertungen aus dem ursprünglichen Wettbewerb gaben der F‑35 einen überwältigenden Vorteil bei der Kampffähigkeit: 95% gegenüber nur 33% für die Gripen.
Wie aus durchgesickerten Auswertungsunterlagen hervorgeht, die in kanadischen Medien zitiert wurden, erhielt die F‑35 für militärische Fähigkeiten 57.1 Punkte von 60. Saabs Gripen kam lediglich auf 19.8. Diese grosse Differenz erklärt mit, weshalb die Regierung von Justin Trudeau letztlich ein früheres Versprechen aufgab, die F‑35 nicht zu beschaffen.
Aus Sicht der RCAF ergibt eine Aufteilung des Kaufs heute wenig Sinn. Ein interner Bericht, auf den sich Reuters bezieht, bezeichnete es aus militärischer Perspektive als „unsinnig“, die Beschaffung zwischen F‑35 und einem weiteren Muster zu splitten. Die frühere ranghohe Verteidigungsbeamtin Stefanie Beck stützte diese Einschätzung in einer Anhörung im Parlament, bevor sie im Zuge einer Kabinettsumbildung ihr Amt abgab.
In Ottawa teilt jedoch nicht jeder diese Argumentation. Industrieministerin Mélanie Joly hält das „Ein‑Flotten“-Argument für eine bequeme Ausrede und verweist darauf, dass alle G7‑Staaten gemischte Kampfflotten betreiben und diese dennoch in ihre Verteidigungsstrukturen integrieren.
Saabs Gegenoffensive: Jets in Kanada bauen
In dieser angespannten Lage hat Saab ein neues, offensives Angebot vorgelegt. Laut Berichten kanadischer Medien schlägt der schwedische Konzern vor, einen grossen Teil der Flugzeuge in Kanada zu montieren:
- 72 Mehrzweckkampfflugzeuge JAS‑39 Gripen E/F
- 6 GlobalEye‑Flugzeuge zur luftgestützten Frühwarnung und Führung
Alle würden in Kanada gebaut; Saab beziffert den möglichen Beschäftigungseffekt auf rund 12,600 Arbeitsplätze.
Saab bietet nicht nur Flugzeuge an; Saab bietet einen kanadischen Luft- und Raumfahrt‑Hub an, verbunden mit langfristigen Hightech‑Arbeitsplätzen.
Besonders strategisch ist das GlobalEye‑Element. Die Plattform basiert auf dem Geschäftsreiseflugzeug Global Express 6000 von Bombardier – also auf einem kanadischen Muster. Saab will diese Zellen umrüsten und mit modernen Radar- und Missionssystemen ausstatten. So würden schwedische Verteidigungstechnologien eng mit kanadischer Luftfahrtfertigung verzahnt.
Simon Carroll, Geschäftsführer von Saab Kanada, bezeichnete den Vorschlag als „souveräne“ Lösung: fortschrittliche Fähigkeiten für Kampf und Überwachung – und zugleich ein Paket aus Know-how, Technologie und Investitionen für die kanadische Industrie.
Warum GlobalEye für Ottawa wichtig ist
GlobalEye ist eine Plattform für luftgestützte Frühwarnung und Führung (AEW&C). Sie trägt ein leistungsstarkes Radar, das Flugzeuge, Schiffe und einige Bodenziele auf grosse Distanz erfassen kann. Für ein Land mit Kanadas riesigem Luftraum und den Zugängen über die Arktis ist eine solche dauerhafte Radarabdeckung politisch attraktiv.
Wenn Kampfflugzeuge und AEW&C‑Flugzeuge vom selben Anbieter kommen, ergibt sich zudem ein „sauberes“ Gesamtpaket: gemeinsame Ausbildung, abgestimmte Unterstützungsverträge und ein einheitliches industrielles Ökosystem.
Lockheed Martin verteidigt den industriellen Fussabdruck der F‑35
Lockheed Martin reagierte schnell auf Saabs Vorstoss und betont, dass Kanada bereits heute tief in die Lieferkette der F‑35 eingebunden ist.
Das Unternehmen erklärt, dass mehr als 110 kanadische Firmen Teile für die F‑35 zuliefern – mit einem potenziellen industriellen Wert von C$15.5 billion bis 2058.
Nach Angaben des US‑Herstellers stecken in jeder F‑35 kanadische Komponenten im Wert von mehr als C$3.2 million. Und diese Teile werden in jedes produzierte Flugzeug eingebaut – nicht nur in jene, die für die Royal Canadian Air Force bestimmt sind.
Lockheed Martin verweist ausserdem auf Folgewirkungen: Viele Zulieferer in Kanada hätten ihre Erfahrungen aus dem F‑35‑Programm genutzt, um weitere Aufträge im globalen Luft- und Raumfahrt‑ sowie Verteidigungsmarkt zu gewinnen. Diese Botschaft zielt auf einen zentralen Punkt für die kanadische Regierung: langfristige Wettbewerbsfähigkeit statt einmaliger Arbeitspakete.
| Aspekt | F‑35‑Weg | Saab‑Gripen/GlobalEye‑Weg |
|---|---|---|
| Kampfbewertung (Score) | 95% (57.1/60) | 33% (19.8/60) |
| Industrielle Präsenz | Globale Lieferkette, 110+ kanadische Unternehmen | Lokale Montage der Flugzeuge in Kanada |
| Job‑Schlagzeile | Langfristig verteilte Beschäftigung bis 2058 | Ca. 12,600 Jobs im Zusammenhang mit dem Montageprogramm |
| Paket | Nur Stealth‑Jäger | Jäger plus AEW&C GlobalEye |
Politik, Zölle und eine Regierung auf Optionssuche
Der Zeitpunkt von Saabs Angebot ist kein Zufall. Die Beziehungen zu Washington wurden durch US‑Zölle unter Präsident Donald Trump belastet, die kanadische Branchen getroffen und in Ottawa Forderungen nach stärker diversifizierten Rüstungslieferanten ausgelöst haben.
Einem Bericht von CBC News zufolge stossen Saabs Pläne in der Regierung von Premierminister Mark Carney auf „grosses Interesse“. Demnach betrachten Beamte das schwedische Angebot als Mittel, um sowohl die Bezugsquellen für Ausrüstung zu verbreitern als auch Sektoren zu stützen, die durch US‑Handelsmassnahmen unter Druck geraten sind.
Zugleich plant Kanada, die Verteidigungsausgaben in den nächsten fünf Jahren um C$82 billion zu erhöhen. Minister wollen, dass aus diesen Mitteln möglichst viel lokale Wertschöpfung entsteht. Ein Projekt, das sichtbar Arbeitsplätze in Luft- und Raumfahrtzentren schafft und Entwicklungs‑ sowie Montagelinien im Land verankert, passt genau in diese Agenda.
Wo die öffentliche Meinung steht
Im Inland scheint Saab derzeit im Vorteil zu sein. Eine aktuelle Umfrage von Ekos zeigt eine klare Tendenz zugunsten der schwedischen Jets:
- 43% der Befragten unterstützen den Kauf der Gripen als Ersatz für die CF‑18
- 29% bevorzugen eine gemischte Gripen/F‑35‑Flotte
- Nur 13% sprechen sich für eine reine F‑35‑Flotte aus
Diese Werte geben der Politik Spielraum, falls sie von einem reinen F‑35‑Pfad abrücken oder zumindest die Tür für eine geteilte Beschaffung erneut öffnen möchte – trotz der Einwände der RCAF.
Warum gemischte Flotten so umstritten sind
Im Kern dreht sich die Debatte um ein klassisches Dilemma der Verteidigungsplanung: Flexibilität versus Komplexität.
Eine Flotte aus nur einem Muster vereinfacht Pilotenausbildung, Logistik, Ersatzteilhaltung und Instandhaltung. Software‑Updates, Waffenintegration und Missionsplanung bauen auf einem einzigen Grunddesign auf. Die RCAF, die bereits mit Personalengpässen und Wartungsrückständen kämpft, sieht diese Effizienzgewinne als strategisch notwendig.
Eine gemischte Flotte eröffnet mehr Optionen, schafft aber Reibungsverluste. Zwei Kampfflugzeugtypen bedeuten zwei Simulator‑Welten, getrennte technische Lehrgänge, unterschiedliche Unterstützungsverträge sowie Lager mit nicht kompatiblen Ersatzteilen. Dazu kommen Integrationsfragen bei Einsätzen über Plattformen hinweg – mit unterschiedlichen Sensoren, Datenlinks und Leistungsprofilen –, die nicht allein dadurch verschwinden, dass andere G7‑Staaten damit umgehen.
Umgekehrt senkt eine Mischung die Abhängigkeit von einem einzigen ausländischen Lieferanten und einem Software‑Ökosystem. Sie kann Verhandlungsmacht schaffen und industrielle Arbeit auf mehr Partner verteilen. Saab und seine Unterstützer in Kanada setzen darauf, dass Diversifizierung im aktuellen geopolitischen Umfeld zusätzliches politisches Gewicht hat.
Zentrale Konzepte: Stealth‑Jets und luftgestützte Frühwarnung
Die F‑35 ist ein Stealth‑Kampfflugzeug der fünften Generation. Sie ist dafür ausgelegt, auf Radar schwerer zu erkennen zu sein, und Informationen aus eigenen Sensoren sowie von Partnerplattformen zusammenzuführen. In einem hochintensiven Konflikt – etwa bei der Verteidigung des NATO‑Luftraums in Europa oder zur Abschreckung eines nahezu ebenbürtigen Gegners – ist diese Kombination aus geringer Signatur und vernetzter Informationslage ein Kernbestandteil der US‑Doktrin.
Die Gripen E/F folgt einem anderen Ansatz. Sie ist weniger auf Stealth ausgelegt, dafür auf Kostenkontrolle, schnelle Umrüstzeiten und hohe Einsatzraten. Kleinere Luftstreitkräfte schätzen sie, weil sie von verteilten und vergleichsweise einfachen Basen operieren kann. Für Kanada, mit vielen vorgeschobenen Standorten in abgelegenen Regionen, ist diese Robustheit attraktiv – auch wenn sie die Lücke beim Fähigkeits‑Score in der ursprünglichen Bewertung nicht schliessen konnte.
GlobalEye gehört in eine eigene, ergänzende Kategorie. Ein AEW&C‑Flugzeug fliegt hoch und „blickt“ weit: als fliegende Radarstation und Gefechtsstand. In einem kanadischen Szenario könnten zwei GlobalEye grosse Bereiche der Arktis oder der Atlantikzugänge überwachen und dabei in Echtzeit Kampfflugzeuge, Marinekräfte und bodengebundene Radarsysteme koordinieren.
Was an Ottawas endgültiger Entscheidung hängt
Kanadas Entscheidung wird mehr prägen als die künftige Kampfjetflotte. Sie setzt Leitplanken für die rüstungsindustrielle Politik, zeigt, wie weit Ottawa sich in bestimmten Bereichen von der US‑Dominanz lösen will, und sendet im Inland ein Signal zu Arbeitsplätzen und Souveränität.
Hält die Regierung am vollständigen F‑35‑Plan fest, vertieft sie die Integration mit US‑ und NATO‑Luftstreitkräften und setzt auf langfristige Erträge aus einer globalen Lieferkette. Schwenkt sie in Richtung des Saab‑Pakets, gewinnt Kanada sichtbare Montagelinien im Land, eine neue AEW&C‑Fähigkeit und eine zweite Säule in seinen Verteidigungspartnerschaften – akzeptiert dafür aber höhere Komplexität und weicht vom bevorzugten Modell der RCAF ab.
So oder so wird die Wahl die kanadische Luft- und Raumfahrt über Jahrzehnte beeinflussen: wo Ingenieurinnen und Ingenieure ausgebildet werden, wo Werke wachsen – und welche Flaggen künftig an den Leitwerken der Jets zu sehen sind, die den nordamerikanischen Himmel sichern.
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