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Nahrungsergänzungsmittel: Risiken, Nebenwirkungen und sichere Anwendung

Frau hält Nahrungsergänzungsmittel-Flasche am Tisch mit Tabletten, Laptop und Glas Wasser in der Küche.

Sie versprechen besseren Schlaf, ein robusteres Immunsystem und rasches Abnehmen – doch bei mancher Kapsel und manchem Pulver werden Risiken leicht unterschätzt.

Nahrungsergänzungsmittel erleben einen Boom – in Deutschland ebenso wie in vielen anderen europäischen Staaten. Ob Vitamine, Mineralstoffe oder Pflanzenextrakte: Das Angebot wächst schnell, Drogeriemärkte und Online-Shops sind voll davon. Viele greifen ganz selbstverständlich zu, oft ohne medizinische Rücksprache und in dem Glauben, „natürlich“ bedeute automatisch „harmlos“.

Nahrungsergänzung ist kein Ersatz für Medikamente

Rechtlich werden Nahrungsergänzungsmittel in Europa nicht als Arzneimittel eingeordnet, sondern als Lebensmittel. Das hat klare Konsequenzen: Anbieter dürfen keine Heilversprechen abgeben und keine Aussagen machen, die suggerieren, eine Krankheit könne geheilt oder verhindert werden. Deshalb stehen auf Packungen Formulierungen wie „trägt zur normalen Funktion des Immunsystems bei“ statt „schützt vor Erkältung“.

Solche Produkte sind als Ergänzung einer üblichen Ernährung gedacht. Sie sollen Nährstoffe oder andere Stoffe liefern, die eine ernährungsphysiologische oder physiologische Wirkung haben. Damit ein Inhaltsstoff überhaupt in Nahrungsergänzungsmitteln eingesetzt werden darf, braucht es im europäischen Kontext eine nachvollziehbare Verzehrhistorie, die zumindest eine gewisse Sicherheit nahelegt.

Nahrungsergänzungsmittel dürfen nicht wie Medikamente wirken – und werden auch nicht wie Medikamente geprüft.

Am Ende trägt der Hersteller die Verantwortung: Er muss gewährleisten, dass das Produkt bei bestimmungsgemässem Gebrauch keine Gesundheitsschäden verursacht. Eine behördliche Zulassung wie bei Arzneimitteln existiert in dieser Form meist nicht; häufig genügt eine Anzeige oder Registrierung.

Woher die Risiken kommen – besonders bei hohen Dosierungen

Ein wichtiger Punkt wird leicht übersehen: Die enthaltenen Substanzen sind in Nahrungsergänzungsmitteln häufig viel stärker konzentriert als in üblichen Lebensmitteln. Genau darin liegt ein Risiko. Beta-Carotin aus Karotten ist in der Regel unproblematisch – eine hochdosierte Kapsel kann bei bestimmten Personengruppen hingegen nachteilig sein.

Das Magazin „National Geographic“ hat das Thema am Beispiel der USA beschrieben: Dort wurden in Kliniken wiederholt Leberschäden im Zusammenhang mit bestimmten Präparaten gemeldet. Auch europäische Fachleute betrachten die Entwicklung kritisch, weil vergleichbare Probleme grundsätzlich auch hier auftreten können.

Zwei Welten: Vitamine und Mineralstoffe vs. Pflanzenpräparate

Grob lassen sich Nahrungsergänzungsmittel nach Einschätzung von Fachleuten in zwei Kategorien einteilen:

  • Produkte mit Vitaminen und Mineralstoffen: Die eingesetzten Stoffe sind eindeutig definiert; für viele gibt es europaweit festgelegte Höchstmengen oder zumindest Orientierungswerte.
  • Produkte mit Pflanzenstoffen („botanicals“): Sie bestehen aus komplexen Mischungen zahlreicher Verbindungen, deren Anteile teils stark variieren.

Pflanzliche Inhaltsstoffe sind nur zulässig, wenn sie in bestimmten behördlichen Listen geführt werden – inklusive Angaben dazu, welche physiologischen Wirkungen akzeptiert sind. In der Praxis wirkt das allerdings weniger restriktiv, als es klingt: Extrakte aus Kurkuma, Grüntee, Garcinia oder Ashwagandha sind längst massenhaft erhältlich, nicht selten begleitet von sehr offensiver Werbung.

Je komplexer der Pflanzenextrakt, desto schwerer lassen sich Dosis, Reinheit und mögliche Wechselwirkungen wirklich einschätzen.

Was Meldesysteme zu Nebenwirkungen zeigen

Einige Länder führen Register, in denen leberschädigende Reaktionen durch Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel systematisch dokumentiert werden. In diesen Datensammlungen tauchen Nahrungsergänzungsmittel immer wieder als mögliche Auslöser auf. Andere Staaten – etwa Italien – haben kein eigenes nationales Register speziell für leberschädigende Effekte durch diese Produkte, nutzen dafür aber ein Meldesystem, das sich auf pflanzliche Mittel und andere „natürliche“ Präparate konzentriert.

Die Werte aus solchen Meldungen wirken zunächst beruhigend: Zwischen 2002 und 2024 wurden rund 2.500 Verdachtsfälle zu Nebenwirkungen durch Nahrungsergänzungsmittel gemeldet. Nur etwa 4 Prozent betrafen Leberschäden. Am häufigsten wurden Magen-Darm-Beschwerden genannt, danach folgten Hautreaktionen.

Fachleute betonen jedoch, dass diese Meldungen freiwillig sind. Viele Betroffene bringen diffuse Symptome nicht mit einem Nahrungsergänzungsmittel in Verbindung. Ärztinnen und Ärzte melden nicht jeden Verdacht, und wer Präparate online bestellt, sucht im Zweifel gar keine Praxis auf. Entsprechend dürfte die tatsächliche Zahl unerwünschter Effekte deutlich höher sein.

Welche Präparate häufiger auffallen

Eine allgemeingültige „schwarze Liste“ existiert nicht. Dennoch geraten bestimmte Stoffgruppen immer wieder in den Fokus – besonders dann, wenn sie stark konzentriert und über längere Zeit eingenommen werden. In den vergangenen Jahren betrafen Meldungen unter anderem Produkte mit:

  • Kurkuma-Extrakt in hohen Dosen, teils in Kombination mit weiteren Pflanzenstoffen,
  • Garcinia cambogia, das oft als Mittel zur Gewichtsabnahme beworben wird,
  • Ashwagandha, eine Pflanze aus der ayurvedischen Tradition, die in Lifestyle- und Stressprodukten besonders beliebt ist.

In einem Teil der Fälle liess sich ein Zusammenhang zwischen dem konsumierten Produkt und den Beschwerden vergleichsweise eindeutig nachvollziehen. In anderen Fällen blieb offen, welche Vorgänge im Körper die Leber oder weitere Organe beeinträchtigt haben. Häufig kamen mehrere Einflüsse gleichzeitig zusammen.

Typische Risikokonstellationen

Wenn Nebenwirkungen auftreten, zeigen sich laut Fachleuten oft wiederkehrende Muster:

  • Die empfohlene Tagesdosis wird überschritten, in der Hoffnung auf schnellere Ergebnisse.
  • Mehrere Präparate werden gleichzeitig genommen – teils mit identischen oder sich gegenseitig verstärkenden Wirkstoffen.
  • Vorerkrankungen oder eine genetische Veranlagung erhöhen die Empfindlichkeit.
  • Präparate sind verunreinigt oder es fehlen verbindliche Angaben zur Konzentration der wirksamen Bestandteile.
  • Hochkonzentrierte Pflanzenextrakte erzeugen im Körper Wirkstoffspiegel, die mit „normalem“ Tee oder üblichen Gewürzmengen nie erreicht würden.

Problematisch wird es, wenn aus einem traditionellen Gewürz ein Hochleistungs-Konzentrat in Kapselform wird – und das gleich mehrfach täglich.

Wie sich Verbraucher besser schützen können

Nahrungsergänzungsmittel müssen nicht grundsätzlich Angst machen – aber sie sollten ähnlich ernst genommen werden wie Arzneimittel. Mit einigen Grundregeln lässt sich das persönliche Risiko spürbar senken:

  • Ohne ärztliche Beratung keine Daueranwendung: Besonders bei chronischen Erkrankungen, Leber- oder Nierenproblemen sowie in Schwangerschaft und Stillzeit ist das Gespräch mit der behandelnden Praxis sinnvoll.
  • Niemals „auf Verdacht“ hochdosieren: Mehr hilft nicht automatisch mehr – Nebenwirkungen können sich bei höheren Dosen aber deutlich verstärken.
  • Auf die Kennzeichnung achten: Vertrauenswürdige Produkte nennen die Mengen der aktiven Stoffe möglichst präzise. Fehlen solche Angaben, ist Vorsicht angebracht.
  • Kauf nur über seriöse Kanäle: Apotheke, Drogerie, Supermarkt oder offiziell zugelassene Online-Apotheken sind klar sicherer als fragwürdige Schnäppchenseiten mit Sitz im Ausland.
  • Pausen einplanen: Ein Vitaminpräparat für einige Wochen im Winter ist etwas anderes als ein Pflanzenkonzentrat, das monatelang ohne Unterbrechung eingenommen wird.

Warum „natürlich“ kein Garant für Sicherheit ist

Das Wort „natürlich“ wirkt stark – viele verbinden damit eine milde Wirkung und geringe Gefahr. Gleichzeitig zeigt schon die Geschichte, dass auch potente Gifte wie Digitalis (Fingerhut) oder Atropin (Tollkirsche) aus Pflanzen stammen. Ausschlaggebend sind Dosis, Zubereitung und die persönliche Empfindlichkeit.

Gerade moderne Extraktionsverfahren können einzelne Wirkstoffe in Konzentrationen aus einer Pflanze herauslösen, die in einem normalen Tee oder in einem gewürzten Gericht nie vorkämen. Wer solche Konzentrate täglich einnimmt, kann Leber und Stoffwechsel deutlich stärker beanspruchen, als es der „natürliche“ Verzehr vermuten lässt.

Wechselwirkungen mit Medikamenten

Ein Aspekt geht im Alltag ebenfalls schnell unter: Nahrungsergänzungsmittel können die Wirkung von Medikamenten verändern. Bestimmte Pflanzenstoffe beeinflussen beispielsweise Enzyme in der Leber, die Arzneimittel abbauen. Dadurch können manche Tabletten stärker wirken, andere schwächer. Auch Blutverdünner, Blutdruckmittel oder Psychopharmaka können betroffen sein.

Wer regelmässig Medikamente einnimmt, sollte neue Nahrungsergänzungen daher nicht eigenständig beginnen, sondern den Beipackzettel lesen und Rücksprache halten. Besonders bei älteren Menschen, die mehrere Präparate parallel nutzen, können die Risiken sonst unbemerkt zunehmen.

Wann ein Präparat wirklich sinnvoll sein kann

Trotz der genannten Risiken gibt es klare Situationen, in denen Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sind – etwa bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel, bei bestimmten Mangelzuständen in der Schwangerschaft, nach Operationen oder bei deutlich eingeschränkter Nahrungsaufnahme. Dann sollte die Auswahl jedoch ärztlich begleitet werden, idealerweise gestützt auf Laborwerte.

Wer sich hingegen nur „irgendwie müde“ fühlt, sollte nicht automatisch zu Multivitamin-Brausetabletten oder „Detox“-Kuren greifen. Häufiger sind Schlafmangel, Stress, unausgewogene Ernährung oder Bewegungsmangel die Ursache – nicht ein versteckter Mikronährstoffmangel. Ein Blutbild liefert mehr Klarheit als jede Werbeaussage.

Woran sich Verbraucher orientieren können

Begriffe wie „botanical“, „standardisierter Extrakt“ oder „phytoaktiv“ klingen oft überzeugend, bleiben im Alltag jedoch nicht selten unpräzise. „Standardisiert“ bedeutet nicht automatisch „sicher“ – zunächst heisst es nur, dass ein bestimmter Stoff in einem definierten Bereich enthalten sein soll.

Hilfreich ist es, kritisch auf folgende Punkte zu achten:

  • Gibt es seriöse Informationen zu Sicherheit und typischer Dosierung?
  • Wer empfiehlt das Produkt – eine Fachgesellschaft oder nur Influencer?
  • Wirkt das Versprechen unrealistisch schnell oder spektakulär?
  • Werden mehrere Wirkversprechen in einem Produkt gebündelt?

Ein Satz bleibt dabei zentral: Nahrungsergänzungsmittel können unterstützen, aber weder eine ausgewogene Ernährung noch medizinische Diagnostik ersetzen. Wer so herangeht, Etiketten sorgfältig prüft und im Zweifel nachfragt, senkt das Risiko – und fällt seltener auf leere Versprechen herein.

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