In einer Zeit, in der Tempo die Spielregeln bestimmt, sind chinesische Autobauer in diesem Dschungel namens Automobilindustrie zur Gepardin (dem schnellsten Landtier der Welt) geworden. Für diese Geschwindigkeit hat sich in der Branche längst ein eigener Begriff etabliert: China speed.
FutuREady: Renault will bis 2030 bei China speed gleichziehen
Die Renault Group hat beschlossen, nicht länger nur von der Tribüne zuzuschauen, sondern das Rennen anzuführen. Der neue Strategieplan mit dem Namen FutuREady, der in der vergangenen Woche vorgestellt wurde, verfolgt ein zentrales Ziel: Bis 2030 soll der französische Konzern bei der Agilität auf Augenhöhe mit den chinesischen Wettbewerbern sein.
François Provost, Chief Executive Officer von Renault, formulierte es unmissverständlich: „Eine der Herausforderungen ist die Geschwindigkeit der Chinesen. Wenn wir 1,5 Milliarden Euro in softwaredefinierte Fahrzeuge investieren, geben die chinesischen Rivalen etwa ein Fünftel davon aus. Irgendetwas muss sich ändern“.
Der elektrische Twingo als Startsignal
Ein erster, konkreter Schritt ist bereits erfolgt: Der neue elektrische Twingo wurde in nur 21 Monaten entwickelt – ein neuer Rekord für den Hersteller.
Möglich wurde das durch eine neue Einheit namens ACDC – nicht zu verwechseln mit der legendären Rockband. Die Abkürzung steht für Advanced China Development Center, das neue Forschungs- und Entwicklungszentrum von Renault in China. Nun soll das, was beim Twingo noch eine Ausnahme war, zur Vorgabe werden: Künftig müssen alle neuen Projekte des Konzerns in einem Entwicklungszyklus von 24 Monaten entstehen.
Wie?
Um dieses Ziel zu erreichen, will sich die Renault Group nicht darauf beschränken, einfach „schneller zu arbeiten“. Stattdessen soll sich grundlegend verändern, wie ein Auto entwickelt wird. Dazu wurde eine neue Organisationsstruktur vorgestellt, die auf fortgeschrittene Digitalisierung und den Einsatz digitaler Zwillinge setzt – also virtuelle Abbilder, mit denen Fahrzeuge vollständig in digitalen Umgebungen entworfen und getestet werden können.
Künstliche Intelligenz (KI) erhält dabei strategisches Gewicht. Sie soll sowohl die Designphase beschleunigen (indem unterschiedliche Varianten zügiger durchgespielt werden) als auch die Entwicklung des verwendeten Software-Codes (durch schnellere Iterationen). Gleichzeitig soll der Bedarf an vielen physischen Prototypen sinken – eine der langsamsten und teuersten Stufen im klassischen Entwicklungsprozess.
Weniger Teile, standardisierte Plattformen
Mehr Effizienz soll jedoch nicht nur über die Digitalisierung kommen, sondern auch über die physische Auslegung der Fahrzeuge. Die Renault Group plant, die Zahl der Teile pro Fahrzeug um 30% zu reduzieren. Ein Ansatz dafür ist die stärkere Standardisierung von Plattformen. Als Beispiel gilt die künftige modulare Basis RGEV Medium 2.0, die auf cell-to-body-Technologie setzt (die Batterie wird Teil der Fahrzeugstruktur). Das vereinfacht die Montage und senkt die Anzahl der Bauteile.
Ein weiterer Pfeiler ist der Übergang zu Software-Defined Vehicles (SDV), bei denen 90% der Fahrzeugfunktionen aus der Ferne aktualisiert werden können. In diesem Modell werden Hardware- (physisch) und Software-Entwicklung (Programmierung) parallel vorangetrieben, ohne dass das eine – wie heute – vom anderen abhängig ist.
Ob die Renault Group mit dieser Strategie erfolgreich ist, dürfte viel darüber aussagen, welche Rolle die europäische Automobilindustrie künftig spielt – in einer Zukunft, in der das Schlüsselwort Geschwindigkeit lautet. Das Sprichwort „Zeit ist Geld“ bekommt dabei immer mehr Gewicht.
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