In vielen ländlichen Regionen Japans stehen Häuser leer, und die Reisfelder daneben werden nicht mehr bewirtschaftet. Ganze Ortschaften, in denen früher Hunderte Menschen lebten, zählen heute nur noch einige Dutzend Einwohner – und viele davon sind bereits hochbetagt.
Doch die frei werdenden Flächen bleiben nicht lange ungenutzt. Etwas rückt nach und nimmt den Raum ein, den Menschen zurücklassen. Neue Projektionen deuten darauf hin, dass diese Entwicklung innerhalb einer Generation nahezu jedes Gebiet des Landes erreichen wird.
Die Ausbreitung verstehen
Die Tiere, um die es geht, sind Sikahirsche und Wildschweine. Die Prognose stammt von einem Team um Takahiro Morosawa, Forscher am Japanischen Wildtierforschungszentrum (JWRC). Die Gruppe wollte herausfinden, welche Faktoren beide Arten über die Landkarte treiben.
Naheliegend waren Klima und Gelände als Erklärung. In den Daten zeigte sich jedoch ein noch einfacherer Zusammenhang als stärkster Einfluss: Wo Hirsche und Wildschweine als Nächstes auftauchten, hing vor allem davon ab, wie nah ihre bestehenden Vorkommen bereits waren.
Mildere Winter und veränderte Landnutzung spielten zwar mit hinein, aber eher als zweitrangige Faktoren. Die beiden Arten sind schlicht sehr gut darin, neue Gebiete zu Fuss zu erschliessen – und im Modell fortgeschrieben, breiten sie sich bis 2050 über den grössten Teil Japans aus.
Zwei verschiedene Tiere
Trotz mancher Gemeinsamkeiten verhalten sich beide Arten deutlich unterschiedlich. Sikahirsche halten eher Abstand zu Menschen: Dort, wo Städte dicht liegen, werden sie seltener und weichen bevorzugt in Wälder sowie Hügel- und Berglandschaften aus.
Wildschweine sind weniger zurückhaltend. Sie lassen sich auch in Bereichen nieder, die Menschen bereits stark geprägt haben, und drängen bis an die Ränder von Vororten und in bebaute Quartiere vor – also in Zonen, die Hirsche eher meiden. Bei ihnen scheint Kühnheit stärker zu zählen als der ideale Lebensraum.
Diese Trennlinie spiegelt sich auch in den Vorhersagen wider: Sikahirsche füllen vor allem die bewaldeten Binnenräume, umgehen aber die dicht besiedelte Kantō-Region rund um Tokio. Wildschweine hingegen sollen nach den Projektionen auch in diese stärker bebauten Bereiche hineinwachsen.
Wenn Menschen gehen
Unter allem liegt eine demografische Entwicklung: Japans Bevölkerung schrumpft seit Jahren, und am stärksten trifft es das Land – dort ziehen jüngere Menschen in die Städte, während Ältere zurückbleiben.
Mit dem Rückzug der Menschen lässt der Druck nach, der die Tiere bislang bremste. Unbewirtschaftete Felder werden zu brachliegenden Flächen, die verbuschen, Nahrung bieten und durchziehendes Wild anziehen. Gleichzeitig gibt es in ländlichen Gegenden weniger Menschen, die jagen.
Im Modell hielten dicht besiedelte Räume die Ausbreitung zurück – am deutlichsten bei den Hirschen –, ein Effekt, der mit Jagddruck in Verbindung gebracht wird. Eine separate Untersuchung zu Japans grossen Säugetieren verknüpfte ihr Vorrücken in menschlich genutzte Gebiete ebenfalls mit diesem nachlassenden „Griff“.
Das Schnee-Rätsel
Schnee setzte beiden Arten lange klare Grenzen. Tiefe Schneedecken führen im Winter zu Nahrungsmangel und erschweren die Fortbewegung – so blieb der kalte, schneereiche Norden jahrzehntelang nach dem Krieg ausser Reichweite.
Mit wärmeren Wintern und dünner werdender Schneedecke löst sich diese Barriere auf. Die Tiere rücken in Gebiete vor, die sie früher buchstäblich ausfroren. In stark schneereichen Regionen bieten inzwischen schneetolerante Nadelbäume Hirschen Winterdeckung – an Orten, an denen früher keine zu beobachten waren.
Beim Wildschwein ist die Rolle des Schnees weniger eindeutig. Wegen ihrer kurzen Beine kommen sie in tiefen Verwehungen schlechter voran; wie weit sie nach Norden vordringen, hängt daher davon ab, wie stark die Winter tatsächlich milder werden – eine Frage, die das Team offenlässt. Eine Arbeit aus dem Jahr 2016 hatte die Ausbreitung der Hirsche bereits mit abnehmender Schneedecke in Zusammenhang gebracht.
Eine lange Rückkehr
Die heutige Rückkehr reicht weiter zurück als nur die letzten Jahrzehnte. Schon in der prähistorischen Jōmon-Zeit kamen Sikahirsche und Wildschweine auf Honshū, Japans Hauptinsel, weit verbreitet vor, bevor sie über Jahrhunderte durch Jagd in isolierte Restgebiete gedrängt wurden.
Um 1950 erreichten ihre Bestände einen Tiefpunkt – weniger wegen Wetter oder Fressfeinden, sondern vor allem durch Jagd. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann grosse Waldflächen wieder aufgeforstet, und die Tiere fanden Raum für eine Erholung.
Der Wiederanstieg verlief steil: Zwischen 1978 und 2018 vergrösserte sich das Verbreitungsgebiet der Sikahirsche nahezu auf das Dreifache, das der Wildschweine fast auf das Doppelte. Beide Arten drangen zudem wieder in den schneereichen Norden vor, den sie einst verlassen hatten.
Kaum Rückzug
Für ihre Prognose teilte das Team Japan in Tausende Rasterfelder auf, jeweils etwa 5 Kilometer breit, und erfasste, welche Felder 1978, 2003 und 2014 von Hirschen oder Wildschweinen besetzt waren. Ein zentrales Muster: Haben die Tiere ein Gebiet erst einmal eingenommen, geben sie es fast nie wieder auf.
Im betrachteten Zeitraum verschwanden Sikahirsche aus weniger als 2% ihrer Rasterfelder, Wildschweine aus rund 6 Prozent. Diese Beständigkeit fällt auf. Eine frühere Projektion sah Sikahirsche erst bis 2103 auf 70% des Landes verbreitet; das neue Modell zieht diese landesweite Ausdehnung um mehr als ein halbes Jahrhundert nach vorn.
Auch die Wildschwein-Prognose ist in sich neu: Bislang hatte niemand kartiert, wohin sich die Art voraussichtlich über Japan hinweg ausbreiten wird. Für Japan ist das eine Premiere und liefert Verantwortlichen einen Blick nach vorn, den es so bisher nicht gab.
Ankünfte einplanen
Es werden mehr Tiere auf deutlich mehr Fläche erwartet. Sikahirsche und Wildschweine schälen junge Bäume, schädigen Feldfrüchte und verursachen Unfälle auf Landstrassen. Ausserdem tragen sie Zecken und Krankheitserreger; eine Studie brachte dieses Risiko mit steigenden Hirschzahlen in Japans Wäldern in Verbindung.
Die Karten verschaffen Behörden und Wildtiermanagement einen Vorsprung. Wenn bekannt ist, wo Hirsche und Wildschweine voraussichtlich auftauchen, lassen sich Jagdstrategien ausrichten und Zäune errichten, bevor die Tiere da sind – statt erst zu reagieren, wenn der Schaden bereits entstanden ist.
Lange war unklar, ob Schnee oder Städte die Ausbreitung stoppen würden. Diese Arbeit liefert eine Antwort: Lässt man die Entwicklung laufen, wird weder das eine noch das andere sie aufhalten – und während das ländliche Japan weiter ausdünnt, scheinen Sikahirsche und Wildschweine bereit, einen grossen Teil der Flächen zu übernehmen, die Menschen zurücklassen.
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