In der tropischen Waldökologie gilt eine Faustregel: Je mehr fruchtfressende Arten einen Baum aufsuchen, desto besser.
Die verbreitete Logik dahinter: Wenn viele Arten kommen, werden auch mehr Samen in neue Bereiche getragen.
Entsprechend nutzen Schutz- und Monitoringprogramme die Vielfalt an Tieren häufig als vermeintlich verlässlichen Indikator für die Waldgesundheit.
Eine Studie aus Brasilien hat diese Annahme jedoch direkt geprüft – und gezeigt, dass sie in entscheidenden Situationen nicht trägt.
Denn am Ende erledigten nur wenige Arten fast die gesamte Arbeit, und eine reine Artenzahl verriet nie, welche das waren.
Das Falsche gezählt
Die Untersuchung stammt von Eduardo D. B. Rigacci, Biologe an der Universidade Estadual de Campinas (UNICAMP) in Brasilien.
Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen beobachtete er über zwei Fruchtsaisons hinweg Tiere beim Fressen in Fragmenten des Atlantischen Waldes.
Im Mittelpunkt standen Bäume, die sich nicht ohne Hilfe fortpflanzen können.
Sie sind darauf angewiesen, dass Tiere ihre Früchte fressen und die Samen an anderer Stelle wieder absetzen. Ökologinnen und Ökologen nennen das Samenverbreitung; bis zu 90% der verholzenden tropischen Pflanzen sind davon abhängig.
Über Jahrzehnte wurden solche Beziehungen häufig mit einer einzigen Zahl bewertet: der Anzahl der Frugivoren, also der fruchtfressenden Arten, die in einem Waldstück mit einem bestimmten Baum vorkommen.
Mehr Arten sollten demnach automatisch eine verlässlichere Samenverbreitung bedeuten. Rigaccis Team hat genau diese Idee geprüft.
Ein paar Leistungsträger
Im Zentrum der Arbeit stehen zwei Baumarten: die Jussara-Palme und die Silber-Cecropia.
Beide sind Schlüsselarten, die in der Trockenzeit fruchten, wenn sonst wenig verfügbar ist.
Damit sind sie für Vögel und Affen eine Art Notversorgung.
Wer lange genug zusieht, erkennt ein klares Muster: Ein kleines Set an Arten übernimmt den Löwenanteil der Samenverbreitung.
Der grosse Rest steuert vergleichsweise wenig bei.
An den untersuchten Bäumen wurden über 20 fruchtfressende Arten registriert, fast alle davon Vögel.
Grössere Tiere sind in diesen Waldfragmenten weitgehend verschwunden.
Grosse Fruchtfresser wie Tukane haben durch Jagd und Lebensraumverlust abgenommen, und eine Studie zeigte, dass die Samen der Palme kleiner wurden, als ihre grössten Verbreiter verschwanden.
Erkenntnisse aus dem Beobachten
Besuche zu zählen erzählt nur die halbe Geschichte.
Über mehr als 350 Beobachtungsstunden erfasste das Team, welche Tiere an welchen Baum kamen – und wie viele Samen jede Besuchsart tatsächlich wegtrug.
Doch selbst ein verteilter Samen landet nicht automatisch an einem Ort, an dem er auch wachsen kann.
Deshalb testeten die Forschenden zusätzlich, ob die Samen keimten. Das Ergebnis fiel deutlich ungleich aus.
Samen, die den Verdauungstrakt eines Vogels passiert hatten, keimten wesentlich häufiger als Samen, die einfach zu Boden fielen.
Bei der Jussara-Palme keimten ungefähr 70% der Samen nach dem Durchgang durch den Darm, gegenüber etwa 18% bei unberührten Samen.
Bei der Silber-Cecropia zeigte sich derselbe Effekt in abgeschwächter Form: rund 40% gegenüber 9%.
Einige Vogelarten trieben die Keimung sogar über 90%.
Was auch immer während der Verdauung passiert – der Samen profitiert offensichtlich.
Wenn das Klima wärmer wird
Anschliessend folgte die Modellierung.
Mithilfe von Klimaprojektionen für die kommenden Jahrzehnte kartierte das Team, wo die beiden Baumarten und ihre Fruchtfresser bis 2070 noch geeignete Lebensräume finden könnten.
Für beide Bäume schrumpfen die Verbreitungsgebiete.
Die Silber-Cecropia könnte ein Fünftel bis ein Drittel ihrer Fläche verlieren, die Palme etwas weniger – in einer Region, die sich laut Projektionen um bis zu 3.3°C erwärmen könnte.
Bei den Fruchtfressern sieht es nicht besser aus.
Ihre Areale könnten sich um ein Viertel bis deutlich über ein Drittel verkleinern, wobei Affen und andere Spezialisten des Kronendachs am stärksten gefährdet sind.
Wenn Lebensräume schrumpfen, können viele Arten offenes Agrarland möglicherweise nicht überqueren, um kühlere Gegenden zu erreichen.
Wo weniger Samenverbreiter bleiben, entstehen kleinere Wälder.
Zahlen, die in die Irre führen
Genau hier versagte die reine Artenzählung.
Verglichen mit einem reichhaltigeren Mass dafür, wie gut Samen tatsächlich transportiert wurden und keimten, lag die simple Artenzahl auf ungefähr 60% des Verbreitungsgebiets jeder Baumart daneben.
Mitunter wirkte die Situation auf Basis der Artenzahl zu optimistisch.
Gerade die besten „Träger“ waren oft auch diejenigen, die am ehesten verschwinden könnten – und das liess die Lage sicherer aussehen, als sie war.
Andernorts unterschätzte die Artenzahl wiederum, wie widerstandsfähig das System sein kann, weil robuste „Überlebende“ übersehen wurden, die sich halten.
Am deutlichsten fiel diese Diskrepanz bei der Jussara-Palme aus.
Lehren aus dem Wald
Dort erklärte die Artenzahl weniger als 13% davon, wie sich die Samenverbreitung unter Erwärmung verändert.
Bei der Silber-Cecropia schnitt die Artenzahl besser ab: Sie bildete die Keimung recht gut ab, scheiterte aber weiterhin daran vorherzusagen, wie viele Samen tatsächlich bewegt wurden.
Bislang stützten sich Vorhersagen darüber, wie stark die Erwärmung diese Wälder trifft, auf Artenzahlen allein.
Die tatsächliche „Leistung“ jedes einzelnen Tieres über ganze Landschaften hinweg einzubeziehen, war bislang nicht versucht worden.
Gerade das machte die Lücke sichtbar.
Zwei Bäume, zwei Geschichten
Dass die beiden Bäume so unterschiedlich reagierten, hängt vor allem davon ab, wer ihre Samen verbreitet.
Die Silber-Cecropia bildet winzige Samen, die fast jeder Fruchtfresser schlucken kann – dadurch verteilt sich die Arbeit auf viele Schultern.
Fallen ein oder zwei widerstandsfähige Verbreiter weg, könnte das System kippen.
Die Jussara-Palme hat diesen Puffer nicht.
Ihre grösseren Früchte können nur von bestimmten Vogelarten bewältigt werden, und ihre Zukunft hängt an einer kurzen Liste.
An erster Stelle steht dabei die Weissbrustdrossel, ein häufiger Singvogel.
Diese Drossel kommt zudem mit der Erwärmung besser zurecht als die meisten anderen, was nahelegt, dass die Palme mancherorts überdauern könnte, obwohl eine rohe Artenzahl sie bereits „abschreibt“.
Fallen ein oder zwei widerstandsfähige Arbeiter weg, könnte das System kippen.
Die Folgen nach vorn
Arten zu zählen ist ein wackliges Verfahren, um vorherzusagen, ob ein Wald sich weiter erneuert.
Die gleiche Zahl an Fruchtfressern kann an einem Ort ein stabiles System bedeuten und an einem anderen ein fragiles – je nachdem, welche Tiere tatsächlich übrig sind.
Für den Naturschutz verschiebt das die Aufgabenliste.
Eine Zielzahl an Arten zu schützen reicht nicht, wenn die Tiere, die den Grossteil der Samenverbreitung leisten, unbemerkt verschwinden.
Die Studie plädiert deshalb dafür, zu erfassen, was Tiere tun – nicht nur, wie viele es gibt.
Und die Bedeutung reicht über zwei brasilianische Baumarten hinaus.
Samenverbreitende Tiere nehmen weltweit ab, und eine aktuelle Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss: Wenn die entscheidenden „Mover“ verschwinden, verlieren Wälder die Fähigkeit, ihre nächste Generation zu begründen.
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