Beim ersten Anblick wirkte das Teil, als hätte ein klobiger Bluetooth-Lautsprecher mit einem Mini-Backofen Nachwuchs bekommen. Kein Korb, keine klappernde Schublade – nur ein glänzender Würfel, der leise auf der Arbeitsplatte in einer kleinen Londoner Wohnung vor sich hin summte. Auf TikTok verabschiedete sich eine Creatorin von ihrer Heißluftfritteuse und streichelte die neue Maschine, als wäre sie ein Haustier. In den Kommentaren kochte die Stimmung hoch. „Das ist doch nur ein schicker Ofen.“ „Nein, das ist ein Lebensretter, du verstehst es nicht.“ Der Algorithmus spielte den Clip immer weiter aus, der Markenname trendete über Nacht – und plötzlich hörten Food-Autorinnen und Köche überall dieselbe Frage: Ist das das Ende der Heißluftfritteusen-Ära? Das Versprechen klingt groß: ein Gerät, das neun andere ersetzt. In der Praxis ist es weniger eindeutig.
In unseren Küchen verschiebt sich gerade etwas – und nicht alle sind darauf vorbereitet.
Vom Liebling der Heißluftfritteusen zum Multi‑Kocher‑Koloss
Die klassische Heißluftfritteuse erzählte eine einfache Geschichte: knuspriges Essen mit weniger Öl, schneller als der Backofen, ohne gleich die ganze Wohnung aufzuheizen. Leicht zu erklären, leicht zu verkaufen. Die neue Welle an „9‑in‑1“-Arbeitsplattenöfen und smarten Multikochern kommt dagegen mit einem deutlich längeren Lebenslauf: Heißluftfrittieren, Dampfgaren, Slow Cooking, Grillen, Toasten, Backen, Dörren, Sous-vide – und bei manchen Modellen sogar Druckgaren. Noch bevor man überhaupt auf „Start“ drückt, ist es schon viel. Trotzdem sieht man in so gut wie jeder Homecooking-Community dasselbe Muster: Heißluftfritteusen werden zur Seite geschoben, verschenkt oder in den Schrank verbannt, während ein multifunktionales Gerät still und leise die Mitte der Arbeitsfläche übernimmt.
Da ist zum Beispiel Emma, 34, aus einer engen Wohnung in Manchester mit einer schmalen Küche, die kaum breiter ist als ihr Kühlschrank. Letzten Winter hatte sie eine Heißluftfritteuse, einen Brotbackautomaten, einen Reiskocher, einen Mixer und einen Slow Cooker – auf einem einzigen Regalboden gestapelt wie Tetris. „Jedes Mal, wenn ich kochen wollte, musste ich erst irgendwas aufs Sofa räumen“, lacht sie in einem viralen Instagram-Reel. Als ihr eine Freundin einen neuen 9‑in‑1-Arbeitsplattenofen zeigte, war sie zunächst misstrauisch. Zwei Monate später postete sie ein Foto von einem halb leeren Regal mit der Überschrift: „Tschüss Heißluftfritteuse, hallo eine Kiste, die alles regelt.“ Die alten Geräte? An einem Wochenende über Vinted verkauft.
Auch die Hersteller beobachten diese Stimmung. Strompreise steigen, Wohnflächen werden kleiner, und viele Menschen wollen weniger Dinge besitzen, die dafür mehr können. Ein freistehender Backofen fühlt sich fürs Solo-Abendessen schnell überdimensioniert an; ein Eierkocher nur für eine Aufgabe wirkt wie unnötiger Ballast. Ein Multifunktionsgerät verspricht den Spagat: zielgerichtete Hitze wie bei der Heißluftfritteuse, die Bandbreite eines Backofens und dazu die Zeitersparnis eines Schnellkochtopfs. In Profiküchen gehen die Meinungen auseinander: Die Technik dahinter ist ohne Frage clever, zugleich klingt das Marketing manchmal wie Zauberei. Ein einziges Gerät kann neun Aufgaben nicht in jeder Disziplin perfekt beherrschen – aber im Alltag gewinnt oft „schnell und gut genug“ gegen „perfekt, aber umständlich“.
Wie ein „9‑in‑1“-Gerät die Küche tatsächlich verändert
Mit einem dieser All-in-one-Geräte zu kochen fühlt sich anders an als mit einer Heißluftfritteuse. Statt den Korb zu schütteln und zu hoffen, dass alles gleichmäßig bräunt, wählt man Programme eher wie eine Playlist: Dampf‑Knuspern, Grillen, Rösten, Backen, Slow oder Druck. Viele Modelle führen per Display durch den Ablauf: Wasser nachfüllen, Lebensmittel wenden, Ventil öffnen. Du gibst Hähnchen und Kartoffeln hinein, tippst ein Automatikprogramm an – und der Kocher wechselt selbstständig vom Druckgaren zum Knuspermodus, ohne dass du eingreifen musst. Die praktische Konsequenz: Der große Ofen bleibt am Dienstagabend oft aus, während diese Box zum Standardgerät wird.
Dass es eine Lernkurve gibt, ist genau der Punkt, an dem manche aussteigen. Sie packen das Gerät aus, fühlen sich von Tasten und Modi erschlagen, nutzen am Ende nur die Heißluftfunktion – und schimpfen dann, es sei „nur eine große Heißluftfritteuse“. Wenn du schon einmal ein Gerät ungenutzt verstauben lassen hast, bist du damit nicht allein. Wer tatsächlich mehrere Küchenhelfer ersetzt, macht häufig eine kleine Sache anders: Man nimmt sich jede Woche bewusst eine neue Funktion vor. Woche eins: ein Eintopf im Druckmodus. Woche zwei: Gemüse dämpfen. Woche drei: Halloumi mit Grillfunktion statt in der Pfanne. Mit der Zeit werden Reiskocher und Slow Cooker allein durch Routine überflüssig.
„Als Koch glaube ich nicht, dass ein Werkzeug für jede Technik perfekt sein kann“, sagt der in London arbeitende Chefberater Marco Bellini. „Aber in einer winzigen Wohnung mit nur einer Steckdose und ohne Lüftung nehme ich lieber eine 7 von 10 für neun Aufgaben als eine 10 von 10 für nur eine.“
- Beginne mit den Programmen, die deine am häufigsten genutzten Geräte ersetzen (Reiskocher, Toaster, Heißluftfritteuse), bevor du dich an die komplexeren Automatikprogramme wagst.
- Hänge dir einen simplen Spickzettel an den Kühlschrank: Zeit und Temperatur für drei Standardgerichte, die du wirklich regelmäßig kochst.
- Denke in alltagstauglichen Tauschregeln: Passte es in den Korb deiner alten Heißluftfritteuse, passt es meist auch auf das Knusperblech; was früher im Slow Cooker lag, probierst du im Druck- oder Slow-Modus.
- Akzeptiere, dass manche Spezialgeräte weiterhin besser sind (eine gute Espressomaschine, ein hochwertiger Mixer) – und das ist völlig in Ordnung.
- Seien wir ehrlich: Niemand liest jeden Tag das komplette Handbuch von vorn bis hinten.
Die Küchen-Identitätskrise, über die kaum jemand spricht
Es gibt einen Grund, warum dieses neue Gerät so polarisiert – und der steckt nicht nur im Kochergebnis, sondern im Selbstbild. Die Heißluftfritteuse lieferte eine klare Erzählung: Du bist der clevere Alltagskoch, der in 15 Minuten das Abendessen „hackt“. Das 9‑in‑1-Gerät erzählt etwas anderes: Du bist der Minimalist mit einer smarten Box, der rösten, dämpfen und backen kann wie ein Profi. Manche Köche reagieren gereizt, weil sich hier Handwerk und Bequemlichkeit stärker vermischen. Viele Eltern lieben es, weil das Essen schneller auf dem Tisch steht – mit weniger Abwasch und weniger Chaos. Beides zeigt, wie emotional aufgeladen unsere Arbeitsflächen inzwischen sind.
Dazu kommt ein Generationenwechsel. Junge Mietende, die mit alten, unzuverlässigen Backöfen leben müssen und nichts daran ändern können, setzen stärker auf Geräte für die Arbeitsplatte. Menschen, deren Kinder ausgezogen sind und die in kleinere Wohnungen oder Häuser umziehen, möchten keine Schränke voller sperriger Helfer reinigen, warten und verstauen. Haushalte mit Blick auf den Energieverbrauch schätzen, dass diese Geräte oft weniger Strom benötigen als das Vorheizen eines großen Backofens für ein einzelnes Blech. Umgekehrt kritisieren ambitionierte Bäckerinnen eine ungleichmäßige Bräunung bei empfindlichem Gebäck, und Grill-Puristen lachen über die Idee, ein „Grillmodus“ könne echtes Feuer ersetzen. Je nachdem, was du kochst, haben beide Seiten recht.
Damit lautet die eigentliche Frage nicht „Ist das das Ende der Heißluftfritteuse?“, sondern eher: „Welche Art von Kochen soll meine Küche unterstützen?“ Wenn du Rituale liebst und gerne mit gusseisernen Pfannen arbeitest, bleibt so eine Maschine vielleicht immer nur die zweite Stimme im Hintergrund. Wenn du in einem Studio wohnst und dein Backofen eher als Schuhablage dient, wird sie womöglich zur Hauptbühne. Die nüchterne Wahrheit: Keine Marke kann eine Box bauen, die Geschmack, Zeit, Platz und Budget für alle zugleich löst. Was sie aber kann, ist uns ganz praktisch dazu zu bringen, zu prüfen, welche Werkzeuge wir wirklich benutzen – und welche wir nur aus Gewohnheit besitzen.
| Kernaussage | Detail | Nutzen für Leserinnen und Leser |
|---|---|---|
| Platz und Unordnung | Eine 9‑in‑1-Einheit kann in vielen Haushalten realistisch 3–5 Alltagsgeräte ersetzen | Hilft zu entscheiden, was bleiben darf, was verkauft wird und was man spendet, bevor die Küche überquillt |
| Lernkurve | Ein neuer Modus pro Woche macht aus der „großen Heißluftfritteuse“ ein echtes Multifunktionswerkzeug | Sorgt dafür, dass sich die Anschaffung lohnt, statt auf der Arbeitsfläche einzustauben |
| Kochstil | Stark bei schnellen Familiengerichten; weniger ideal für sehr präzises Backen und Spezialaufgaben | Erleichtert die Einschätzung, ob das Gerät zum echten Kochalltag passt – und nicht nur zum Marketingversprechen |
FAQ:
- Frage 1 Kann ein 9‑in‑1-Gerät wirklich neun einzelne Geräte ersetzen?
- Antwort 1 Rein im Marketing: ja. Im Alltag nutzen die meisten es, um drei bis sechs Geräte zu ersetzen, die sie tatsächlich verwendet haben – etwa Heißluftfritteuse, Toaster, Reiskocher und Slow Cooker. Spezialgeräte wie hochwertige Mixer oder Espressomaschinen bleiben meist trotzdem.
- Frage 2 Wird Essen aus einem 9‑in‑1-Gerät so knusprig wie aus einer normalen Heißluftfritteuse?
- Antwort 2 Bei Pommes, Nuggets und Gemüse berichten viele Nutzerinnen und Nutzer von sehr ähnlicher Knusprigkeit, besonders bei Modellen mit starker Oberhitze und Ventilator. Der Hauptunterschied ist das Fassungsvermögen: Viele Multikocher schaffen mehr auf einmal, daher kann ein kurzes Schütteln oder Drehen des Blechs sinnvoll sein.
- Frage 3 Spart so ein Gerät wirklich Energie?
- Antwort 3 Bei kleinen bis mittleren Mahlzeiten: ja, weil ein kompakter Garraum erhitzt wird und das Essen oft schneller fertig ist. Für große Backaktionen oder große Braten kann ein normaler Ofen pro Portion weiterhin effizienter sein. Die größten Einsparungen entstehen meist dadurch, dass lange Vorheizzeiten vermieden werden.
- Frage 4 Ist es sicher, im selben Gerät unter Druck zu garen und anschließend zu „heißluftfrittieren“?
- Antwort 4 Zertifizierte Modelle sind genau für diese Kombination gebaut – mit Sicherheitsventilen, verriegelnden Deckeln und automatischen Druckablass-Systemen. Das Hauptrisiko liegt weniger in der Technik als in der Bedienung: Wer die Maximal-Markierungen beachtet und beim Druckgaren genug Flüssigkeit verwendet, bleibt innerhalb der vorgesehenen Grenzen.
- Frage 5 Lohnt sich das, wenn ich meine Heißluftfritteuse schon liebe?
- Antwort 5 Wenn deine Heißluftfritteuse ständig läuft und der Backofen ohnehin kaum gebraucht wird, ergibt ein Umstieg vor allem dann Sinn, wenn du zusätzlich andere Geräte wie Slow Cooker oder Reiskocher loswerden willst. Wenn du hauptsächlich „heißluftfrittierst“ und toastest, ist dein aktuelles Setup möglicherweise bereits der beste Kompromiss.
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