Hier sind wir wieder. Nach dem Text über den besten Dieselmotor der Welt wollte ich den Blick weiten. Denn am Ende stellt sich die Frage: Wer baut die besten Motoren der Welt? Ich weiss, der Titel lässt nicht viel Spielraum.
Ich gebe zu: FIAT als Antwort kann polarisieren – und wir dürfen gern unterschiedlicher Meinung sein. Ich sage das mit der Freude von jemandem, der eine gute Provokation schätzt. Etwas, das die jüngeren Generationen offenbar nicht mehr ganz so feiern…
Also: Für den Moment bitte die Schleudern und Wurfgeschosse stecken lassen. Nehmt euch lieber ein Stück Pizza – denn ich finde, ich habe handfeste Argumente. Und wenn der erste Schreck verflogen ist, starten wir mit etwas, das uns vermutlich näher zusammenbringt: Wir müssen anerkennen, dass die Italiener einfach besonders sind. Die Geschichte gibt mir dabei Rückenwind.
Italiens Motor Valley und die Wurzeln der Ingenieurskunst
Ich weiss nicht, ob es am Wasser liegt, das dort aus dem Boden kommt – oder an den erwähnten Pizzastücken –, aber in Italien gibt es Regionen mit einer aussergewöhnlichen Innovationskraft. So wie die USA in Kalifornien das Silicon Valley haben, besitzt Italien in der Emilia-Romagna das Motor Valley: eine Gegend mit einer fast absurden Dichte an Legenden wie Ferrari, Lamborghini, Maserati, Pagani, Ducati und weiteren. Beeindruckend, oder?
Wenn wir für diese Häufung eine Erklärung suchen – jenseits von Wasserqualität oder lokaler Ernährung –, müssen wir weit zurückgehen: bis in die Renaissance oder vielleicht noch weiter. Genau hier fanden Wissenschaft und Wissen seit dem 12. Jahrhundert besonders fruchtbaren Boden. An den Universitäten von Bologna, Mailand, Modena und Turin veränderten Wissenschaftler, Philosophen und Mathematiker wie Galilei und Kopernikus die Welt. Zufall ist das nicht.
Kein Wunder also, dass in dieser Gegend einige der begehrenswertesten Autos aller Zeiten entstehen – und dass dort einige der besten Ingenieure überhaupt ausgebildet werden. Das Ergebnis sind nicht selten edle Triebwerke mit brachialer Leistung, packender Auspuffmusik und wunderschöner Karosserie: im Grunde Kunstwerke. Nur wissen wir beide: Nicht diese Motoren und nicht diese Autos lassen die Welt tatsächlich drehen.
FIAT: Ingenieurskunst für alle statt für Millionäre
Abseits der Genies ist der Alltag von deutlich gewöhnlicheren Motoren geprägt – und von Lastenheften, die schwerer zu balancieren sind: mechanische Standfestigkeit, Innovation und kontrollierte Kosten. Es gibt keine Kunden mit Blankoschecks und keine „Nobelmaterialien à la carte“. Vernunft ist das Gebot der Stunde. Darum lassen wir die Liga der Millionen beiseite und kehren in die harte Meisterschaft zurück, in der jeder Cent zählt.
Genau in diesem Spielfeld hat FIAT geglänzt. Während Ferrari und Lamborghini einige der begehrtesten Motoren der Welt bauten, konzentrierte sich FIAT auf etwas weniger Glamouröses, aber in Wahrheit viel Anspruchsvolleres: Motoren zu entwickeln, die sich die ganze Welt leisten kann.
Der erste robotisierte Motor der Geschichte? Der kam von ihnen. Der FIRE (Fully Integrated Robotized Engine), 1985 vorgestellt, ist im Kern ein Kunststück unter Kostendruck: zuverlässig, robust, günstig und schnell zu fertigen.
Diese Idee hat die Motorenproduktion dauerhaft verändert. Der Rest der Branche stand staunend daneben und machte sich Notizen. Und der FIRE-Motor von FIAT blieb ganze 40 Jahre lang in Produktion!
Auch bei den Dieselmotoren war FIAT massgeblich: Sie haben diese Architektur so weit verfeinert, dass man auf Reisen normal reden konnte, ohne sich zu fühlen, als säße man am Steuer einer landwirtschaftlichen Maschine. Darüber habe ich bereits in einem anderen Artikel geschrieben.
„Während FIAT in den 90ern all das machte, baute Porsche noch weiter „Käfer“ mit luftgekühlten Motoren.“
FIRE, Multijet, MultiAir und das Giacosa-Layout
Und die Liste liesse sich fortsetzen: Auch die ersten Motoren mit mehreren Einspritzungen pro Arbeitstakt (Multijet) gehen auf FIAT zurück; ebenso die MultiAir-Motoren, bei denen die Öffnung der Einlassventile über elektronisch gesteuerte Hydraulikkolben geregelt wird – ohne von der Nockenwelle abhängig zu sein.
Dazu kommt das erste moderne Auto mit Frontantrieb im heute üblichen Sinn: quer eingebauter Frontmotor mit seitlich neben dem Motor positioniertem Getriebe. Dieses Konzept debütierte im Autobianchi Primula und wurde durch den FIAT 128 populär. Entwickelt wurde es von Dante Giacosa – ausgebildet wo? In Turin… – und schuf damit das Giacosa-Layout, das heute von 99 % der Autos mit Verbrennungsmotor und Frontantrieb genutzt wird.
Mit so einem Palmarès: Wenn FIAT damit keinen Platz im „Olymp der Motoren“ verdient, dann weiss ich auch nicht. Und damit ist meine anfängliche Behauptung – die diesem Text den Titel gibt – weder aus der Luft gegriffen noch ohne Argumente. Diskutabel? Ohne jeden Zweifel. Genau das gefällt mir.
Stellantis, PureTech und eine persönliche Spitze Richtung Porsche
Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der nicht jeder um jeden Preis ein Monopol auf die Wahrheit haben wollte. Und nicht selten entstanden gerade aus dem Reiben (und dem Unbehagen) von Ideen die besten Freundschaften. Heute wirkt es manchmal, als wolle sich jeder nur noch mit Menschen umgeben, die exakt gleich denken…
Hier bei Razão Automóvel zum Beispiel denken wir nicht alle gleich – und dass wir aktuell die fünftmeistgelesene Auto-Website der Iberischen Halbinsel sind und in Portugal seit acht Jahren in Folge die Reichweite anführen, zeigt: Vielfalt im Denken funktioniert (zumindest bei uns). Und genau durch eine Meldung von Fernando Gomes musste ich wieder an das Thema FIAT-Motoren denken.
Kurz gesagt: Es sieht so aus, als könnte Stellantis in naher Zukunft auf FIAT-Motoren (ex-FCA) zurückgreifen. Die Probleme der 1.2 PureTech-Motoren gehören der Vergangenheit an (inzwischen gibt es einen überarbeiteten 1.2 turbo), doch mit einem „Luxusregal“ wie FIAT im eigenen Haus würde es mich nicht wundern, wenn an diesen Gerüchten etwas dran ist.
Zum Schluss noch eine persönliche Note – und ich ziehe den Text nur ein kleines bisschen länger. Ich habe Freunde, die echte Porsche-Fans sind. Ich stichele gern mit dem Satz: „Während FIAT in den 90ern all das machte, baute Porsche noch weiter „Käfer“ mit luftgekühlten Motoren“, und blende dabei grosszügig die Historie der Marke oder unumgehbare Giganten wie Hans Mezger aus. Na bitte! Sollen sie sich eben anstrengen und ihre Damen verteidigen. Aber das ist eine andere Geschichte – oder, wenn wir schon bei FIAT sind: eine andere Cinquecento-Geschichte.
Ja, das war ein furchtbares Wortspiel… Gut, ich bin still. Vielleicht komme ich nächste Woche wieder und rede über japanische Motoren. Wie wäre das? Jetzt muss ich erst einmal tanken – es sieht so aus, als würden die Preise trotz der kleinen staatlichen „Almosen“-Entlastung schon wieder steigen. Und jetzt dürft ihr die Schleudern und Wurfgeschosse tatsächlich holen.
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