Das ist der raptorigste Ford Ranger Raptor aller Zeiten.
Schon die erste Generation war eine Ansage – doch Ford Performance wollte es dabei nicht belassen und legt beim neuen Ranger Raptor noch einmal deutlich nach. Das Modell ist erst kürzlich in Europa gelandet – mit einem 3,0-Liter-V6-Biturbo-Benziner, der 292 PS leistet.
Am Grundrezept hat sich zwar wenig geändert: Die Idee bleibt dieselbe wie zuvor. Trotzdem wurde an praktisch allen Stellschrauben gedreht, damit das Ergebnis am Ende noch spektakulärer ausfällt. Und anders lässt es sich nicht sagen (Entschuldigung für den Spoiler so früh im Test): Das ist der beeindruckendste Ford Ranger, den es je gab.
Dass der Ford Ranger Raptor im Gelände ein echter „Monster“-Pick-up ist, überrascht niemanden. Die spannendere Frage lautet: Wie lässt er sich im Alltag leben? Ist das lediglich anspruchsvoll – oder schlicht unmöglich? Die Antwort steht in den nächsten Absätzen.
Groß? Nein, riesig!
Zahlen sind unbestechlich – und ein Blick auf die Abmessungen reicht, um zu verstehen, dass hier kein gewöhnlicher Pick-up steht: 5,36 m Länge, 2,03 m Breite und 1,93 m Höhe.
Und bevor die Frage kommt: Nein, nicht jede Garage ist raptortauglich – und Parkplätze sind nur selten breit genug, sodass am Ende nicht alle vier Reifen über den weissen Linien stehen.
Und bitte fahrt auch nicht leichtfertig in eine schmale Strasse, die ihr nicht gut kennt. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, mitten drin wenden zu müssen (oder es zumindest zu versuchen).
Trotzdem: Anfangs kann das Fahren mit dem Raptor einschüchternd wirken. Diese Phase dauert aber vielleicht 10 Minuten – womöglich sogar weniger. Denn gemessen an seinem gewaltigen, sportlich wirkenden Auftreten lässt sich dieser Pick-up überraschend unkompliziert bewegen.
Und selbst bei Manövern, die auf den ersten Blick knifflig wirken, helfen Parkpiepser und Kameras – vorne wie hinten.
Passende Optik
Sobald ihr das „Grollen“ des V6-Biturbo hört, gibt es keinerlei Zweifel: Das ist ein Ranger Raptor. Aber selbst wenn der Sechszylinder gerade „schläft“, verraten ihn genügend Details – angefangen bei den speziellen Stossfängern, dem massiven Grill mit den grossen „FORD“-Lettern und den modelltypischen Grafiken.
Dazu kommen die schwarzen Verbreiterungen um die Radhäuser, die Breite und Präsenz zusätzlich betonen, der ebenfalls schwarze Bügel direkt hinter der Doppelkabine – und natürlich die zwei auffällig grossen Endrohre.
Innenraum: fast unverwüstlich – wie es sein soll
Im Cockpit hebt sich der Ford Ranger Raptor durch mehrere orangefarbene Akzente ab, durch spezielle Sportsitze sowie durch ein Lenkrad mit orangenen Nähten und dem „RAPTOR“-Schriftzug unten am Kranz.
Materialseitig wirkt das Interieur nicht luxuriös – aber im Vergleich zur Vorgängergeneration ist der Sprung enorm (wirklich!). Die Oberflächen sind mehr als gut genug, um sich an Bord wohlzufühlen, und sie passen sehr gut zu einem robusten, abenteuerorientierten Pick-up wie diesem.
An einigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass die physischen Tasten und Schalter nicht besonders präzise arbeiten. Die Verarbeitung macht insgesamt aber einen guten Eindruck – und selbst bei Ausflügen ins Gelände, um die Offroad-Fähigkeiten auszuloten, sind mir keine Klapper- oder Nebengeräusche aufgefallen.
Hinten, in der zweiten Reihe, fällt der Platz dagegen knapper aus als erwartet. Sitzt man einmal dort, merkt man schnell: Die Rückenlehne ist zu stark geneigt (stärker als in einem SUV).
Unbequem sind die hinteren Plätze dennoch nicht – auch längere Fahrten sind möglich. Der Einstieg gelingt dank der weit öffnenden Türen stets problemlos. Allerdings ist die Beinfreiheit kurz, kürzer als bei vielen mittelgrossen SUVs.
Platz für alles?
Wie man es erwartet, ist die Ladefläche gross und sehr vielseitig nutzbar. Sie bietet maximal 1,22 m Breite, 53 cm Höhe und – besonders beeindruckend – 1,56 m Länge, wenn man mit geöffneter Heckklappe misst.
Mit dem optionalen Raptor-Exterieur-Paket bekommt die Ladefläche eine schwarze, raue Beschichtung, die sich sehr leicht reinigen lässt. Ausserdem gibt es eine elektrische Abdeckung, die sich per Funkschlüssel bedienen lässt.
In den Tagen mit dem Raptor habe ich mich dabei ertappt, sowohl die Transportbox meiner Hündin als auch gleich zwei Fahrräder auf der Ladefläche unterzubringen. Genau diese Vielseitigkeit ist einer der Gründe, warum diese Karosserieform tatsächlich Sinn ergeben kann.
Wenn ihr den Pick-up jedoch für „alltägliche Missionen“ nutzt – etwa Einkaufstüten oder ein kleines Möbelstück aus einem bekannten schwedischen Möbelhaus – dann solltet ihr unbedingt die zahlreichen Verzurrpunkte in der Ladefläche verwenden.
Sonst endet es fast zwangsläufig damit, dass ihr auf das Deck des Ford Ranger klettern müsst, um überhaupt an alles heranzukommen. Vom Boden aus ist es – selbst komplett gestreckt und bei 1,83 m Körpergrösse – schlicht unmöglich, weiter als bis etwa zur Hälfte zu greifen.
Ein Sportler der anderen Art
Beginnen wir mit dem wichtigsten Baustein dieses Puzzles: dem Motor. Genau hier liegt eine der grossen Neuheiten dieser zweiten Generation des Pick-ups. Denn während der erste Ranger Raptor ausschliesslich als Diesel angeboten wurde, gibt es ihn nun zusätzlich mit einem sehr starken Benziner.
Unter der Haube arbeitet ein 3,0-Liter-V6-EcoBoost mit zwei Turboladern, der 292 PS und maximal 491 Nm liefert. Die Kraft geht über ein 10-Gang-Automatikgetriebe an alle vier Räder.
Im Sommer starten die Auslieferungen der Diesel-Variante: ein 2,0-Liter-Turbodiesel EcoBlue mit vier Zylindern, 205 PS und 500 Nm, der bereits bestellt werden kann.
Zurück zum 3,0-Liter-V6-EcoBoost: Das ist genau der Motor, der auch im Ford Bronco Raptor steckt – dort allerdings mit über 400 PS.
Im „europäischen“ Ranger Raptor wirkt er wegen der Emissionsvorgaben zwar etwas „kastriert“, doch Leistungsmangel gibt es hier definitiv nicht. Das zeigt sich daran, dass der Sprint auf 100 km/h in 7,9 s gelingt – unabhängig vom Untergrund (die Höchstgeschwindigkeit ist auf 180 km/h begrenzt).
Auf dem Papier wirkt das nicht zwingend spektakulär, in der Praxis aber umso mehr: Schliesslich reden wir von einem „Monster“ mit über 2,5 Tonnen (2529 kg). Und wie bereits erwähnt, klappt dieser Wert auf jedem Untergrund – auf Schotter zum Beispiel ist es beeindruckend, wie der Raptor „wühlt“ und das gesamte Drehmoment auf den Boden bringt.
Bevor es weitergeht, lege ich euch nahe, den Sprung – auf allen vier Rädern – anzusehen (oder erneut anzusehen), den Diogo Teixeira beim ersten Kontakt am Steuer dieses Ranger Raptor gemacht hat. Glaubt mir: Das ist beeindruckend.
Kompetent auf Asphalt. Aber…
Auf der Strasse ist der Ford Ranger Raptor nicht in seinem natürlichen Element. Ja, die Federung ist komfortabler, als ich erwartet hatte, die Handlichkeit überrascht, und die 10-Gang-Automatik kann sehr geschmeidig agieren. Doch die grobstolligen All-Terrain-Reifen melden sich sofort, sobald man das Tempo erhöht.
Noch wichtiger: Auf Asphalt hatte ich fast durchgehend das Gefühl, nur etwa 20 % dessen abzurufen, was dieses Modell wirklich kann. Erst als ich ins Gelände abgebogen bin, haben wir – ich und der Ranger Raptor – wirklich dieselbe Sprache gesprochen.
Ein Sportler für schlechte Wege
Ich konnte den Ranger Raptor auf zwei sehr unterschiedlichen Untergründen testen: einem schnellen Abschnitt und einem langsamen, sehr technischen Terrain. Und ehrlich gesagt: Er hat mich in beiden Situationen überrascht.
Die erste Aufgabe war eine breite Schotter-/Erdpiste mit einigen mittelschnellen Kurven und guter Übersicht – ideal, um das Heck dieses Pick-ups zu provozieren, mit eingelegtem 2H-Modus (Antrieb nur an der Hinterachse) und deaktiviertem ESC.
Danach kamen ein paar Kilometer, komplett frei und einladend, um das Tempo deutlich anzuheben. Hier gab es im Grunde nur einen Schritt: Baja-Modus aktivieren. Und was für einen Unterschied dieser Modus macht.
Das Gaspedal reagiert deutlich direkter, der Auspuff klingt lauter und dramatischer, und die Fox Live Valve-Stossdämpfer (elektronisch geregelt) zeigen sehr klar, warum sie in diesem Konzept so entscheidend sind.
Wie stabil und zugleich komfortabel der Raptor Unebenheiten wegsteckt, ist bemerkenswert. Man nimmt dabei den Eindruck mit, dass alles mit steigender Geschwindigkeit und zunehmender Konsequenz bei den eigenen Lenk-, Gas- und Bremsbefehlen sogar noch besser und stimmiger wirkt.
Anschliessend folgte eine deutlich langsamere und technischere Passage. Dort konnte ich Verschränkungen fahren, um die Sperren der drei Differentiale zu testen, und auch die Trail-Control-Funktion nutzen. Sie erlaubt es, eine konstante Geschwindigkeit (zwischen 2 km/h und 18 km/h) vorzugeben, sodass man sehr kontrolliert und vorsichtig über Hindernisse klettern kann.
Zwingen die Verbräuche zum Warten auf den Diesel?
An der Kompetenz des Ranger Raptor gibt es kaum zu rütteln – besonders im Gelände. Aber gilt das auch beim Thema Verbrauch? Nun ja: ja und nein.
Wie zu erwarten, steigen die Verbräuche stark, wenn man auslotet, was dieser Pick-up alles kann. In solchen Momenten lag ich immer über 16 l/100 km. In der Stadt, im Modus „Normal“ und mit gelegentlichen kräftigen Zwischenspurts, habe ich selten weniger als 19 l/100 km geschafft.
Auf der Autobahn – dort bin ich ebenfalls rund 200 km gefahren – hängt es stark davon ab, was ihr euch vornehmt. Bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 120 km/h sind etwa 13,5 l/100 km möglich. Bei 90 km/h fällt der Wert auf 10 l/100 km.
Das sind keine Minimalwerte, aber nachdem man erlebt hat, wozu dieser Pick-up fähig ist, fällt Kritik schwer. Positiv: Der Tank fasst 80 Liter, damit ist eine ordentliche Reichweite durchaus drin.
Was kostet er?
Ich habe schon oft gehört, der Ford Ranger Raptor sei keine „rationale“ Wahl. Und da frage ich zurück: War ein Sportler jemals rational? Nein.
Ein sportliches Fahrzeug zu kaufen ist – und bleibt – eine Entscheidung, die stark von Emotionen getrieben ist. Und genau das macht solche Autos meiner Meinung nach so besonders. Dieser Pick-up ist da keine Ausnahme.
Er ist dramatisch, spektakulär und sehr radikal. Und ich würde nichts daran ändern. Die Liste der Stärken ist lang – ich habe sie im Text bereits alle angesprochen – und die wenigen Schwächen sind fast nebensächlich, abgesehen vom Preis: In Portugal beginnt er wegen der dortigen Besteuerung bei 83 391 Euro.
Auch der Verbrauch ist, wie oben gezeigt, ein Gegenargument. Aber wer mehr als 80 000 Euro für einen so dramatischen Sportler ausgibt, für den ist das vermutlich nicht einmal zwingend ein Problem.
Und damit lande ich wieder bei der Frage vom Anfang: Wie ist es, mit dem neuen Ford Ranger Raptor V6 mit 292 PS zu leben – geht das überhaupt? Natürlich geht das.
Ich hatte diesen Pick-up fast eine Woche und habe meinen normalen Alltag damit erledigt: einkaufen, zur Arbeit mitten in Lissabon fahren (und am Strassenrand parken) sowie eine längere Autobahnfahrt. Das hat alles ohne Schwierigkeiten funktioniert.
Aber ergibt es Sinn? Das kommt darauf an. Es gibt rationalere Wege, die Anforderungen des Alltags zu meistern – nur sind sie nicht annähernd so unterhaltsam.
So oder so: Der neue Ranger Raptor ist die beste Generation, die es je von Fords radikalstem in Europa angebotenem Pick-up gab – und er schenkt eine Art Freiheit, die man inzwischen immer seltener spürt.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen