Der neue Porsche 911 Turbo ist genau das, was man sich erhofft. Und das bedeutet: Aktuell ist er der zugänglichste Supersportwagen der Welt.
Und ja, das ist wörtlich gemeint. Nicht zwingend der absolut schnellste – wobei ein 3,6-Liter-Boxer-Sechszylinder mit Biturbo und 480 PS nun wirklich nicht auf Sparflamme läuft: 0–100 km/h in unter vier Sekunden, weiter bis 304 km/h. Gemeint ist vielmehr dieses eine Auto, das sich unabhängig vom Fahrer wie ein Superheld bewegen lässt. Das macht ihn eher beeindruckender als weniger.
Leistung und Traktion: Porsche 911 Turbo mit elektronischem Allrad
Der neue elektronische Allradantrieb nutzt die Turbokraft aus zwei neuen Ladern mit variabler Turbinengeometrie. Das System verteilt das Drehmoment über Vorder- und Hinterachse mit einer nahtlosen Wucht, bei der klar ist: Hier sorgen jede Menge Bits und Bytes dafür, dass du so unmenschlich schnell wie irgend möglich aus der Kurve katapultiert wirst.
Das lässt das Hirn regelrecht kribbeln. Noch erstaunlicher ist aber, wie gut das Gesamtpaket abgestimmt ist: Schaltet man alle elektronischen Aufpasser ab, dreht der Turbo trotzdem kaum durch – und verschlingt den Horizont in einem einzigen, schnellen Zug.
Getriebe, Komfort und PASM-Fahrwerk
Während der Fahrt muss man sich mit einem hakeligen Getriebe arrangieren – ein bisschen wie eine kräftigere Version der Handschaltung im VW Golf GTI. Dazu kommt ein verblüffend geschmeidiger Federungskomfort. Ja, der Turbo bleibt ein straffes Auto, aber die sekundäre Dämpfung auf schlechten Belägen ist hervorragend.
Dass der „Standard“-Modus so nachgiebig wirken kann, liegt daran, dass Porsche beim Anleinen noch ein paar Tricks parat hat. Drückt man die PASM-Taste, ziehen die adaptiven elektronischen Dämpfer das Auto spürbar fester an die Straße. Die Lenkung wirkt direkter, ein Teil der Wankbewegung verschwindet – ebenso wie das anfängliche Untersteuern.
„Sport“-Programm: das komplette Big-Mac-Paket
Greift man zum vollen Big-Mac-Komplettpaket und drückt die „Sport“-Taste, bekommt man das Rennfahrer-Setup: weniger Traktionskontrolle, eine höher liegende ABS-Schwelle, schnelleres Ansprechen des Gaspedals, ein direkterer Auspuffklang – das volle Programm. Gleichzeitig wird man mit Unebenheiten deutlich persönlicher bekannt, die zuvor nicht einmal den Hintern aus dem Sitz gelockt hätten. Dafür gibt’s mehr Rückmeldung, mehr Nachdruck und mehr Kick.
Genau hier bekommt der Turbo ganz leichte Schwierigkeiten. Das ist kein viszerales Auto – und auch kein besonders emotionales. Zum Beispiel lässt er sich schlicht nicht in irgendeine Form von Übersteuern zwingen, weil das eben nicht der schnellste Weg durch die Kurve ist. Das ist bewundernswert und zugleich ein wenig nervig.
Ja, man kann bei niedrigen Geschwindigkeiten ein bisschen grobe Bewegung provozieren, aber die Differenziale sind so schlau, dass Showfahren kaum drin ist. Das Ergebnis ist eine erstaunlich unspektakulär wirkende Kurvenfahrt, die die kompromisslose Geschwindigkeit dieses Geräts geschickt kaschiert.
Klang und Charakter: eher Raumschiff als Rennwagen
Ähnlich – wie bei allen Turbos – bleibt auch dieses Auto leicht gedämpft, sodass es sich akustisch einfach nicht so schnell anfühlt. Weil wir Sinneswesen sind, bekommt ein Auto gefühlt locker 30 km/h Topspeed gratis, wenn es nur schnell klingt – frag einfach irgendeinen Saxo-Fahrer. Bei Vollgas wirkt der Motor, als würde er seinen Sound eher ablegen als ihn feiern. Er singt nicht – er atmet nur aus.
All das lässt den Turbo mehr wie ein Raumschiff wirken als wie ein Rennwagen. Eine kurze Runde über eine Landstraße mit einem meiner Allzeit-Helden, Walter Röhrl, hat mir gezeigt, dass der Turbo zu Irrsinn auf höchstem Niveau fähig ist (222 km/h auf einer einspurigen Straße, um eine Kurve, über eine blinde Kuppe – ja, die Strecke war gesperrt, aber ich zitterte wie Espenlaub), und das ohne sichtbare Anstrengung.
Mit einem Turbo kämpft man nicht, man ringt nicht mit ihm, man zähmt ihn nicht. Man richtet ihn einfach auf den Punkt aus, an dem man sein will, und teleportiert dann dorthin – begleitet von einem lang gezogenen Schrei: "Aaaaaaarrrrrrggggghhh...".
Er reißt dir den Kopf ab, wenn du weißt, was du tust – und er schnappt sich tapfer deine Ohren, wenn du es nicht tust. Das ist ein unglaublich beeindruckendes Auto. Und trotzdem fehlt ihm irgendwie dieses absolute Quäntchen „Super“.
Wenn man jeden Tag etwas derart Schnelles fahren müsste, gäbe es keine Alternative. Wenn es jedoch ein Fahrzeug für Feiertage und Ferien wäre, gibt es da draußen Autos, die mehr das Herz als den Kopf bewegen.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen