Die Hitzewelle, die Europa in dieser Woche buchstäblich aufheizt, erreicht ein Extrem, das nach Einschätzung von Forschenden ohne den heutigen Klimawandel praktisch nicht vorstellbar gewesen wäre.
Eine neue wissenschaftliche Auswertung formuliert es unmissverständlich: Solche Bedingungen traten vor wenigen Jahrzehnten so gut wie nicht auf – und dass sie heute auftreten, liegt eindeutig am menschengemachten Klimawandel.
Fachleute ordnen das Ereignis als eine der extremsten Hitzewellen ein, die Europa jemals erlebt hat.
Die Analyse stammt vom Forschungsnetzwerk World Weather Attribution, das eigens dafür geschaffen wurde, bei konkreten Extremwetterereignissen zu quantifizieren, welchen Anteil der Klimawandel daran hat.
Die am vergangenen Freitag veröffentlichte Studie wertete Messdaten und Prognosen aus. Betrachtet wurden die drei heissesten Tage und Nächte der aktuellen Hitzewelle – über einen grossen Teil des Kontinents hinweg.
Unter einer Kuppel aus heisser Luft
In dieser Woche hat sich über weiten Teilen Europas eine Hitzekuppel festgesetzt: Warme Luft wird gewissermassen eingeschlossen, sodass eine Kombination aus Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit entsteht, die schnell wirklich gefährlich werden kann.
Solche Hitzekuppeln sind an sich nichts Ungewöhnliches – aussergewöhnlich ist jedoch, wie extrem die Temperaturen diesmal ausfallen.
Nahezu täglich fallen Rekorde. Frankreich stellte einen nationalen Hitzerekord auf und übertraf ihn bereits am darauffolgenden Tag.
Auch im Vereinigten Königreich wurde ein neuer Temperaturrekord für den Juni gemessen – und keine 24 Stunden später erneut überboten.
Spanien verzeichnete zu Wochenbeginn zwei aufeinanderfolgende Juni-Tage mit Spitzenwerten, während die Schweiz ihren heissesten Juni-Tag überhaupt registrierte.
Vorläufige Werte aus Deutschland deuten ebenfalls auf ein neues Allzeithoch hin. Europaweit schreibt ein Land nach dem anderen seine Hitzestatistiken um.
Wie viel schlimmer ist es geworden?
Um den Beitrag des Klimawandels einzuordnen, stellten die Forschenden die Hitzewelle 2026 zwei früheren Referenzereignissen gegenüber: den grossen europäischen Hitzewellen von 1976 und 2003.
Diese Ereignisse ereigneten sich in einer Zeit, in der die Erde spürbar kühler war als heute.
Das Ergebnis lässt wenig Raum für Zweifel: Sowohl die Tages- als auch die Nachttemperaturen in dieser Phase wären 1976 nahezu unmöglich gewesen – obwohl damals ebenfalls Hitze-Rekorde aufgestellt wurden.
In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Planet um etwa zwei Grad Fahrenheit – rund 1.1 Grad Celsius – erwärmt. Allein diese Verschiebung hat die Wahrscheinlichkeit für Extreme dieser Art deutlich erhöht.
Wäre eine vergleichbare Hitzewelle im Juni 1976 aufgetreten, so schätzt die Studie, hätte sie etwa 6.3 Grad Fahrenheit beziehungsweise 3.5 Celsius unter dem gelegen, was Europa derzeit erlebt.
Nächte sind die eigentliche Gefahr
Die nächtliche Wärme ist in diesem Ereignis ebenso extrem wie die Hitze am Tag – und in mancher Hinsicht sogar riskanter. Frankreich hat gerade seine bisher heisseste Nacht gemessen.
Bleiben die Nächte zu warm, kann der Körper nicht abkühlen und sich nicht erholen, bevor der nächste glühend heisse Tag beginnt. Genau diese fehlende Regenerationszeit ist ein zentraler Faktor für hitzebedingte Todesfälle.
Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass die brutal hohen Nachttemperaturen, die Europa jetzt erlebt, heute ungefähr hundertmal wahrscheinlicher sind als im Jahr 2003 – jenem Jahr, in dem eine Hitzewelle in Europa mehr als 70,000 Menschen das Leben kostete.
Wenn der Körper nicht mehr mithalten kann
Das Team untersuchte zudem die Luftfeuchtigkeit und wertete dafür eine Kennzahl aus, die als Wet bulb globe temperature bezeichnet wird – in 854 Städten in 30 betroffenen Ländern.
Diese Grösse fasst Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung und Wind zu einem Wert zusammen, der abbildet, wie stark Hitze den menschlichen Körper tatsächlich belastet – also wie schwierig es für jemanden wird, sich überhaupt noch abzukühlen.
Nahezu die Hälfte dieser Städte, 45 percent, hat bei diesem Wert ihren bisherigen Rekord bereits gebrochen oder steht kurz davor.
Steigt die Kennzahl hoch genug, verliert Schwitzen seine kühlende Wirkung – und das Risiko für Hitzeerschöpfung oder einen tödlichen Hitzschlag nimmt sprunghaft zu.
Die Forschenden formulieren es drastisch: Bereits bei 1.4 Grad Celsius globaler Erwärmung bringt extreme Hitze Gesellschaften an die Grenzen dessen, was sie bewältigen können.
Eine Bilanz, die schon jetzt steigt
Schon jetzt sterben Menschen – auch wenn die endgültige Zahl der Todesfälle erst später feststehen wird.
Spaniens System zur Überwachung der Sterblichkeit schätzte anhand von am Donnerstag veröffentlichten Daten mehr als 200 zusätzliche Todesfälle, die innerhalb von nur vier Tagen mit der Hitze in Verbindung standen.
In Frankreich sind in der vergangenen Woche mindestens 55 Menschen ertrunken, als sie versuchten, sich in Seen und Flüssen abzukühlen.
Die Auswirkungen reichen weit über Todesfälle hinaus: Tausende Schulen blieben geschlossen, der Zugverkehr geriet durcheinander, mehrere Regionen meldeten Stromausfälle, und touristische Attraktionen machten dicht.
Was das für die Zukunft bedeutet
Europa erwärmt sich schneller als jeder andere Kontinent der Erde.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hinter der Studie warnen, dass Hitzewellen dieser Grössenordnung, Häufigkeit und Dauer nur noch häufiger werden, wenn die Welt nicht zügig damit aufhört, fossile Brennstoffe zu verbrennen.
Friederike Otto, Klimawissenschaftlerin am Imperial College London und an der Analyse beteiligt, beschreibt die Lage weniger als reine Forschungsfrage, sondern als Entscheidung: welche Zukunft Menschen tatsächlich wollen – und ob sie bereit sind, das Notwendige zu tun, um sie zu erreichen.
Eine Vorabversion der Studie ist hier zu finden.
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