Coupé-Tradition bei Mercedes und die neue Rolle des E‑Klasse Coupé
Das Coupé erlebt gerade vielerorts ein Comeback – nur bei Mercedes-Benz war es eigentlich nie weg. Die gemütlich-sympathischen Schwaben haben sich in den letzten Jahren zwar in ein paar eigenwillige Nischen vorgewagt und manche sogar erst erfunden, doch elegante Zweitürer mit Stern gibt es gefühlt seit Anbeginn der Zeit.
Jetzt kommt der nächste: Der Name CLK ist Vergangenheit, denn dieses neue Coupé der Mittelklasse trägt stattdessen das E‑Klasse-Emblem. Nach einem Jahrzehnt, in dem Mercedes seine eigenen, furchteinflössenden Alleinstellungsmerkmale ein Stück weit verwässert hat – unerschütterliche Verarbeitungsqualität, unbeirrbare Ingenieurskunst, eher tugendhaftes als sportliches Fahrverhalten –, wirkt dieses Auto wie ein weiteres Signal dafür, dass die Marke wieder Gefallen an sich selbst findet. Statt unbedingt der draufgängerische Charmeur sein zu wollen, der alle Blicke auf sich zieht, präsentiert sich das E‑Klasse Coupé als Fahrzeug, das mit sich im Reinen ist – und genau Menschen ansprechen soll, die ähnlich ticken.
Design, Proportionen und Aerodynamik
Optisch ist es allerdings alles andere als zurückhaltend. Selbst ein Cray-Supercomputer hätte Mühe, all die Linien, Kanten, Sicken und kleinen Detail-Spielereien zu zählen, die sich über die Karosserie ziehen. Vorn wirkt es kantig herausgearbeitet, nach hinten hin wird es zunehmend runder und plastischer. Unterm Strich sieht das neue E‑Klasse Coupé aus, als hätte man die komplette Mercedes-Palette in ein einziges Auto destilliert – inklusive des nach oben gezogenen hinteren Radlaufs, der an das 220S Ponton Coupé der Fünfziger erinnert. Das ist ein ziemlich hoch gesteckter Anspruch, den der Wagen gerade noch einlöst; zugleich sind zentrale Konkurrenten wie Audi A5 und BMW 3er Coupé fürs Auge leichter zu verdauen.
Wie üblich ist der Neue länger, flacher und breiter als sein Vorgänger – und sein Auftritt hängt auffallend stark von Lackfarbe und Felgen ab. Pensionierter Bankfilialleiter oder Dealer aus den Docklands: Entscheiden dürfen Sie. (Die scheinbar überflüssige Linie in der hinteren Seitenscheibe hat übrigens einen Zweck: Sie ermöglicht, dass die Scheiben komplett absenken. Wirklich säulenlos wird das Coupé dennoch nicht – das verhindert die Position des Kraftstofftanks.)
Aerodynamisch ist das Auto dagegen ein echter Streber: Mit einem cw-Wert von 0,24 soll es das windschlüpfigste Serienauto der Welt sein.
BlueEFFICIENCY, Motoren, Sicherheit und Fahreindruck
Dass sich die Prioritäten bei Mercedes – wie bei allen anderen auch – verschieben, zeigt sich bereits am selbst ausgerufenen Leitmotiv des E‑Klasse Coupé: „spannende Effizienz“. Genauer: „BlueEFFICIENCY“. Hinter dieser bei Mercedes leicht unfreiwillig komisch klingenden Bezeichnung steckt ein Paket aus Öko-Massnahmen, darunter Reifen mit reduziertem Rollwiderstand, die erwähnten Aerodynamik-Tricks sowie bedarfsgerecht arbeitende Nebenaggregate: Lenkunterstützung, Kraftstoffpumpe und Lichtmaschine liefern ihre Leistung nur dann, wenn sie wirklich gebraucht wird. Dazu kommt eine Motorenpalette, deren Daten sich beeindruckend lesen.
Da wäre zum Beispiel der aktuelle 2,1‑Liter-Turbodiesel: Verdichtungsverhältnis 16,2:1, 204 PS (150 kW) bei 4.200/min, 500 Nm bei 1.600/min, kombiniert 5,1 l/100 km, nur 135 g/km – und der Sprint von 0 auf 100 km/h gelingt in 7,2 Sekunden. (In der Freizeit betreibt er natürlich auch noch ein Reha-Zentrum für heimatlose Eisbären.)
Alternativ gibt es einen grösseren 3,0‑Liter-Turbodiesel mit 231 PS (170 kW), der als 350 CDi firmiert, sowie drei Benziner: einen 1,8‑Liter-Turbo mit Direkteinspritzung und 204 PS (150 kW) als 250 CGi, einen 3,5‑Liter-V6 mit 292 PS (215 kW) als 350 CGi und schliesslich einen 5,5‑Liter-V8 mit 388 PS (285 kW) als 500. Dieses bewusst eigenwillige Namensschema zu durchschauen, taugt als neuer IQ-Test bei Mensa.
Wie zu erwarten, gibt es ausserdem eine riesige Auswahl an Optionen und Sicherheitsinnovationen, zum grossen Teil aus der neuen E‑Klasse Limousine übernommen. Mit PRE-SAFE, dem „Aufmerksamkeitsassistent“ (der fortlaufend 70 unterschiedliche Faktoren auswertet, um die Wachheit der Fahrerin oder des Fahrers einzuschätzen) und einer Abstands-Warnfunktion sorgt das E‑Klasse Coupé gleichzeitig für ein sehr sicheres Gefühl – und dafür, dass man sich kurz fragt, weshalb man überhaupt etwas so Riskantes wie Autofahren tut. Ein Unfall ist nie angenehm, aber stellen Sie sich vor, wie dämlich man sich vorkommt, wenn man ausgerechnet so ein Auto wegwirft.
Wobei das E‑Klasse Coupé ohnehin nicht zum leichtsinnigen Übermut animiert. Es ist ein sehr angenehmes, beruhigendes und bewusst unspektakuläres Auto, technisch als Mischung aus C‑ und E‑Klasse-Komponenten. Mercedes ist meist ein „Slow Burner“ – ausser wenn AMG draufsteht –, doch dieses Coupé agiert besonders geschmeidig.
Als Beispiel: Der E 350CDi bleibt akustisch nahezu unsichtbar; abgesehen von etwas Windrauschen an A‑Säulen und Aussenspiegeln wird der Motor eher zu einem fernen Brummen. Als Autobahn-Werkzeug ist das kaum zu schlagen. Der clevere Vierzylinder-Diesel klingt deutlich kerniger, und der von mir gefahrene Wagen hatte zudem ein manuelles Getriebe, was mich in den ersten fünf Minuten irritierte (ein Handschalter im Mercedes-Coupé? Offenbar wünschen das fünf Prozent der Kundschaft – was für Sonderlinge). So effizient dieser Motor auch ist: Er wirkt im Charakter leicht quer zum Rest des Autos.
BlueEFFICIENCY in allen Ehren, doch wenn es wirklich um Nervenkitzel geht, ist der klassische Benzin-V8 der Griff, den man machen möchte. Dass er das Dynamik-Fahrpaket serienmässig mitbringt – direktere, kräftigere Lenkung, adaptiv geregelte Dämpfung, Schaltwippen –, hilft dabei, ein überraschend gewandtes Fahrwerk freizulegen. Grossmotorige Mercedes ohne AMG-Label hatten schon immer eine verführerische Subtilität. Und ehrlich gesagt: Mehr Leistung als hier braucht eigentlich niemand.
In Grossbritannien wird das E‑Klasse Coupé entweder als SE (Golfclub-Ausstattung) oder als Sport (grosse Räder, AMG-Details, Nachtclub-Ausstattung) angeboten. Als Konzept ist es ein beruhigender Arm um die Schulter in einer Welt, die gerade durchdreht. Gleichzeitig ist es teuer, hervorragend konstruiert und aussergewöhnlich komfortabel. In schwierigen Zeiten bleibt man gern bei dem, was man kennt – und nach seinem verlorenen Jahrzehnt aus Modellwucher und expansiver Gier wirkt Mercedes wieder angekommen bei dem, was es am besten kann.
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