Je nachdem, wem Sie in sozialen Netzwerken folgen, sind Sie im letzten Jahr vielleicht immer wieder auf eine eher wenig bekannte Heilpflanze namens Ashwagandha gestossen. Berichten zufolge setzen Prominente wie Meghan Markle, Gwyneth Paltrow und Jennifer Aniston Ashwagandha wegen seiner beruhigenden Wirkung ein.
Auch in den sozialen Medien war Ashwagandha zuletzt stark präsent: Zahlen zeigen, dass #ashwagandha im Jahr 2024 auf TikTok auf mehr als 670 Millionen Aufrufe kam.
Ashwagandha im Netz und in der Ayurveda-Tradition
Wissenschaftlich heisst Ashwagandha Withania somnifera. In der ayurvedischen Medizin – einem alten indischen Heilsystem, das davon ausgeht, dass Gesundheit und Wohlbefinden aus dem Gleichgewicht von Körper, Geist und Seele entstehen – wird das Kraut seit Tausenden von Jahren genutzt.
Ayurveda setzt dabei auf einen ganzheitlichen Ansatz und arbeitet mit natürlichen Massnahmen, etwa mit pflanzlichen Mitteln, Ernährungsumstellungen, physikalischer Therapie, Meditation und Yoga.
Doch was ist – jenseits des Hypes – tatsächlich über die Wirkung dieser Pflanze bekannt?
Was die Studienlage zu Ashwagandha bei Stress, Angst und Schlaf zeigt
In der traditionellen Anwendung gilt vor allem die Wurzel von Ashwagandha als sogenanntes Adaptogen. Damit ist gemeint, dass sie Menschen womöglich dabei unterstützt, widerstandsfähiger gegenüber unterschiedlichen Stressformen zu werden – ob biologisch, körperlich oder chemisch.
Am besten belegt ist Ashwagandha derzeit als Mittel gegen Stress und Angst. Eine Übersicht, die mehrere kleinere Studien ausgewertet hat, kam zu dem Ergebnis, dass Ashwagandha das subjektiv empfundene Stress- und Angstniveau deutlich senken kann. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Pflanze Stresshormone wie Cortisol mitregulieren könnte.
Zudem wird Ashwagandha häufig mit besserem Schlaf in Verbindung gebracht. Der Teil "somnifera" im wissenschaftlichen Namen – er bedeutet "sleep-inducing" – deutet auf diese Wirkung hin. Einige Studien zeigen, dass Personen damit schneller einschlafen und einen tieferen, erholsameren Schlaf haben könnten, was wiederum das Energieniveau steigern kann.
Für Menschen mit Schlaflosigkeit kann das hilfreich sein. Es gibt jedoch keine Belege dafür, ob Ashwagandha Schlafmitteln überlegen ist.
Mögliche Vorteile von Ashwagandha
In jüngerer Zeit wird die Pflanze auch mit weiteren Effekten verknüpft. Das Sanskrit-Wort "ashwagandha" bedeutet "the smell of a horse," und steht sinnbildlich für die zugeschriebene Fähigkeit, die Kraft und Ausdauer eines Pferdes zu verleihen.
Für Sportlerinnen, Sportler und Fitnessbegeisterte könnte interessant sein, dass Ashwagandha die körperliche Leistungsfähigkeit steigern kann. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass Ashwagandha Kraft, Muskelmasse und die Sauerstoffnutzung während körperlicher Belastung verbessern kann.
Bei Männern wurde in einigen kleinen Studien beobachtet, dass Ashwagandha den Testosteronspiegel erhöhen und die Fruchtbarkeit unterstützen kann, indem es Spermienzahl und Beweglichkeit verbessert. Das könnte mit Dehydroepiandrosteron (DHEA) zusammenhängen – einem Sexualhormon, das der Körper natürlicherweise bildet.
DHEA dient als Ausgangsstoff für weitere Hormone, darunter Testosteron. Daher sollten Männer mit Prostatakrebs, der empfindlich auf Testosteron reagiert, diese Pflanze meiden.
Ashwagandha wird ausserdem mit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht, etwa mit verbessertem Gedächtnis und höherer Konzentration. Kleine Studien mit älteren Menschen, die bereits gewisse kognitive Einschränkungen haben, legen nahe, dass Ashwagandha oxidativen Stress reduzieren könnte – dabei handelt es sich um schädliche Moleküle (freie Radikale), die Zellen im Körper angreifen können – sowie Entzündungen. Beides kann Gedächtnis und Denkprozesse negativ beeinflussen.
Ausserdem laufen klinische Studien dazu, ob Ashwagandha bei Long-COVID-Beschwerden wie Müdigkeit und kognitiven Störungen helfen könnte – also Problemen bei geistigen Aufgaben wie Denken, Erinnern und Entscheiden. Belastbare Nachweise gibt es dafür bislang jedoch nicht.
Ashwagandha enthält viele sekundäre Pflanzenstoffe, darunter Withanolide. Withanolide sind steroidale Lactone – sie ähneln strukturell Steroiden und besitzen in ihrer chemischen Struktur einen Lactonring – und sollen dazu beitragen, dass Zellen Glukose aus dem Blut besser aufnehmen.
Das kann den Blutzucker sowohl bei gesunden Menschen als auch bei Personen mit Diabetes senken, wobei hierfür noch grössere Studien nötig sind. In Tierversuchen zeigen Withanolide zudem eine entzündungshemmende Wirkung.
Nebenwirkungen und Risiken von Ashwagandha
Trotz möglicher gesundheitlicher Vorteile ist Ashwagandha nicht frei von Risiken und Nebenwirkungen. Zur langfristigen Sicherheit gibt es nur wenige verlässliche Daten. Die meisten Studien betrachten eine eher kurze Einnahmedauer, typischerweise bis zu drei Monaten – gleichzeitig können die positiven Effekte erst nach mehreren Wochen oder Monaten spürbar werden. Am häufigsten treten leichte Magen-Darm-Beschwerden und Übelkeit auf.
Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen, etwa Lebererkrankungen, wird von der Anwendung abgeraten. Zwar selten, aber es wurden Leberprobleme bis hin zu schwerem Leberversagen im Zusammenhang mit der Einnahme von Ashwagandha berichtet.
Da Ashwagandha das Immunsystem anregen kann, sind bei Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose und rheumatoider Arthritis Krankheitsschübe möglich.
Ebenso ist denkbar, dass Ashwagandha mit einigen Medikamenten wechselwirkt, etwa mit Immunsuppressiva, Beruhigungsmitteln und Schilddrüsenhormonen. Studien deuten darauf hin, dass Ashwagandha die Schilddrüsenfunktion beeinflussen kann, insbesondere durch eine Erhöhung der Schilddrüsenhormonspiegel. Ausserdem kann es mit Schilddrüsenmedikamenten wie Levothyroxin interagieren und so unter Umständen zu einer Überdosierung beitragen.
Schwangeren und stillenden Frauen wird geraten, Ashwagandha zu meiden, vor allem in höheren Dosierungen. Die Pflanze könnte mit Fehlgeburten in Verbindung stehen; auch wenn die Datenlage widersprüchlich ist, ist Vorsicht angebracht.
Anwendung: Wann ärztlicher Rat sinnvoll ist
Damit bleibt Ashwagandha ein Kandidat als Stresshelfer, Schlafunterstützung und möglicherweise sogar als Energieschub. Angesichts des wachsenden Interesses und vieler anekdotischer Erfahrungsberichte überrascht es nicht, dass die Pflanze in der Wellness-Szene so beliebt geworden ist.
Gleichzeitig entwickelt sich die wissenschaftliche Evidenz noch weiter: Es braucht grössere klinische Studien, um Nutzen und Nebenwirkungen sicher zu bestätigen und um die sichersten sowie wirksamsten Dosierungen festzulegen.
Wenn Sie darüber nachdenken, Ashwagandha in Ihren Alltag zu integrieren – insbesondere bei langfristiger Einnahme –, sollten Sie vorher medizinischen Rat einholen. Das gilt besonders, wenn Vorerkrankungen bestehen oder Sie andere Medikamente einnehmen.
Dipa Kamdar, Senior Lecturer in Pharmacy Practice, Kingston University
Dieser Artikel wird unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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