In den vergangenen Jahren ist bei mehreren Streitkräften Südamerikas ein deutlich wachsendes Interesse zu beobachten, ihre Verbände mit neuen Radpanzer-Plattformen auszustatten, die in unserem Kontext als Vehículos de Combate Blindados a Rueda (VCBR) bezeichnet werden. Historisch leiten sich diese Systeme zwar aus dem klassischen Konzept gepanzerter Truppentransporter ab, doch im Laufe der Zeit wurden sie technisch wie auch taktisch weiterentwickelt, um Entscheidungsträgern ein breiteres Fähigkeitsspektrum zu eröffnen. Der folgende Beitrag bietet daher einen kompakten Überblick über das VCBR-Konzept, die aktuelle Lage in den wichtigsten Ländern der Region, die jeweiligen Ursprünge und Leistungsdaten sowie über laufende Modernisierungsprogramme.
Einige konzeptionelle Grundlagen
Bevor einzelne Länderbeispiele betrachtet werden, ist es sinnvoll, den Begriff VCBR einzuordnen und ihn von anderen landgebundenen Plattformen in den jeweiligen Beständen abzugrenzen. Im Kern handelt es sich um radbasierte, gepanzerte Systeme – typischerweise in 6×6- und 8×8-Konfiguration – die mehrere Rollen abdecken können. Neben dem bereits genannten Truppentransport zählen dazu unter anderem Aufklärung und Feuerunterstützung für Infanteriekräfte, aber auch medizinische Notfallevakuierung sowie die Funktion als Führungs- und Gefechtsstand im Einsatzraum.
Die Radfahrwerke bringen zudem einen spürbaren Vorteil bei Geschwindigkeit, Flexibilität und logistischer Handhabung gegenüber Kettenfahrzeugen. Das wirkt sich in der Praxis auf die Verlegefähigkeit aus und reduziert über die Nutzungsdauer hinweg den Aufwand für Instandhaltung – ein Aspekt, der in der Region bei Investitionsentscheidungen für neue Systeme regelmäßig stark ins Gewicht fällt.
Demgegenüber steht, dass Radplattformen grundsätzlich weniger stabil als Kettenfahrzeuge sind, was sich vor allem beim Einsatz von großkalibriger Bewaffnung in offensiven Szenarien bemerkbar machen kann. Ungeachtet dessen hat das VCBR-Konzept vielfach gezeigt, wie gut sich unterschiedlichste Waffensysteme integrieren lassen – und damit, wie vielseitig solche Fahrzeuge eingesetzt werden können. Das Spektrum reicht von Hauptwaffen im Kaliber 120 mm über 30- und 25-mm-Türme bis hin zu 7.62 mm-Maschinengewehren.
Die neuen VCBR Argentiniens
Als erstes Beispiel ist das Argentinische Heer mit seiner jüngsten Beschaffung zu nennen: den 8×8 M1126 Stryker, die nach einem langen, von politischen Kurswechseln geprägten Prozess in den USA erworben wurden. In diesem Verfahren standen zeitweise auch andere Systeme zur Bewertung, darunter der VN-1 (ZBL-09) des chinesischen Herstellers Norinco, der Pandur II von Excalibur/GDELS (von Israel vorangetrieben) sowie der in der benachbarten Föderativen Republik Brasilien gefertigte Iveco Guaraní – für den die argentinische Regierung sogar eine Absichtserklärung unterzeichnete.
Die Einführung ist weiterhin nicht abgeschlossen. Die ersten vier Fahrzeuge wurden im vergangenen Dezember übernommen (nahezu fünf Jahre nach der entsprechenden Anfrage an das US-Außenministerium). Mit ihnen soll die angestrebte Brigade Mecanizada a Rueda aufgebaut werden; dafür wird auf insgesamt mehr als 200 Fahrzeuge gezielt. Zusätzlich spielte der politische Faktor eine zentrale Rolle: Die explizite Annäherung der aktuellen Administration an die USA war mitentscheidend für die Auswahl.
Das bedeutet allerdings nicht, dass es sich um leistungsschwache Fahrzeuge handeln würde – auch wenn sie nicht zu den modernsten VCBR am Markt zählen. Vielmehr sind die Stryker als kampferprobte Plattform bekannt, unter anderem aus Einsätzen in Afghanistan, Syrien und Irak. Zudem basiert das Konzept auf einer seit der Einführung gewachsenen Familie von 27 Varianten. Die vom Argentinischen Heer erhaltenen Fahrzeuge gehören zur Ausführung 8×8 M1126 ICV für den Truppentransport. Diese Variante bietet Platz für Ausrüstung von bis zu neun Personen und verfügt über Caterpillar C7-Motoren mit 350HP, eine unabhängige hydropneumatische Federung sowie eine hochharte Stahlpanzerung. Diese bietet Rundumschutz gegen 7.62 mm-Beschuss und frontalen Schutz gegen 14.5 mm; die Schutzwirkung kann potenziell durch MEXAS 2C-Keramikplatten erweitert und durch NBQ-Schutz ergänzt werden.
Bekannt ist außerdem die Ausstattung mit dem Wärmebildgerät AN/VAS-5 für den Fahrer als Ergänzung zu drei M-17-Periskopen. Der Kommandant nutzt die fernbedienbare Waffenstation Protector der M151-Serie mit integriertem Wärmebildmodul. Das System ist kompatibel mit Bewaffnung wie dem M2-Maschinengewehr im Kaliber 12,7mm, einer FN MAG/M240 oder einem MK19-Automatikgranatwerfer im Kaliber 40mm.
Bei der Mobilität erreichen die Fahrzeuge auf Straße bis zu 101 km/h. Die Reichweite liegt – ebenfalls auf Straße – zwischen 450 und 500 Kilometern. Die Abmessungen werden mit 7,31 Metern Länge, 2,87 Metern Breite und 2,69 Metern Höhe angegeben; die Wattiefe liegt bei etwa 1.3 Metern.
Brasilien: robuste Fähigkeiten und ein strategisches Industrieprojekt
Beim Blick auf Brasilien zeigt sich das in der Region umfassendste Fähigkeitsprofil im Bereich VCBR. Das brasilianische Heer stützt sich dabei im Wesentlichen auf zwei Hauptmuster: den 8×8 Centauro II BR des italienischen Konsortiums Iveco-Oto Melara sowie den bereits erwähnten Iveco Guaraní.
Beim Centauro II BR ist die Feuerkraft das prägende Merkmal – sichtbar insbesondere im stabilisierten 120 mm-Geschütz L45. Die Einführung bei der Truppe begann 2024, als Brasília zunächst ein Los aus zwei Fahrzeugen übernahm und technisch-operative Erprobungen durchführen ließ, um die Herstellerangaben zu verifizieren. Dies bildete die Grundlage für die spätere Beschaffung von 96 weiteren Fahrzeugen, die ab Mai 2025 beim 6º Escuadrón de Caballería Mecanizada eintrafen. Damit startete das brasilianische Heer den Ersatzprozess für die veralteten EE-9 Cascavel, die seit den 70er-Jahren im Dienst standen.
Zu den Eigenschaften zählen – neben der bereits genannten 120 mm-Hauptwaffe mit einer Reichweite von bis zu 4 Kilometern – zwei 7,62 mm-Maschinengewehre (koaxial und zur Flugabwehr) sowie Granatwerfer. Darüber hinaus sind moderne Ziel-, Feuerleit- und Kommunikationssysteme bekannt. Ein Reifendruckregelsystem erhöht die Beweglichkeit auf wechselnden Untergründen; die Reichweite wird mit rund 800 Kilometern angegeben.
Der Iveco Guaraní wird seit 2012 in die Bestände aufgenommen, um EE-11 Urutu und ebenfalls EE-9 Cascavel zu ersetzen. Inzwischen umfasst die Flotte mehr als 700 ausgelieferte Fahrzeuge. Kennzeichnend ist unter anderem die Möglichkeit, fernbedienbare Maschinengewehre im Kaliber 7.62 oder 12.7 mm sowie einen 40 mm-Granatwerfer zu integrieren. Parallel wurden Fortschritte bei Entwicklung und Einführung des neuen Turms UT-30BR mit der ATK Bushmaster MK44-Kanone im Kaliber 30 mm erzielt. Hinzu kommt ein V-förmiger Rumpf, der den Minenschutz verbessert.
Über die Technik hinaus ist der Guaraní auch industriepolitisch bedeutsam: Er gilt als strategischer Hebel für die brasilianische Rüstungsindustrie, stärkt Beschäftigung, ermöglicht Exporterlöse und trägt zur Konsolidierung nationaler Fähigkeiten bei. Ein anschauliches Beispiel ist der Fall Philippinen, die 28 Fahrzeuge erwarben – trotz eines deutschen Vetos, das auf Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen beruhte. Brasilien reagierte, indem es über Vereinbarungen mit der lokalen Industrie Komponenten ersetzte.
Chile zwischen der Einführung des LAV III und dem Bedarf, die Mowag Piraña zu ersetzen
Im Fall Chile fällt eine Besonderheit auf: Ein VCBR-Los wurde gezielt für die Marine beschafft. Konkret handelt es sich um den LAV III, der zuvor bei den Streitkräften Neuseelands genutzt wurde und nun die chilenische Marineinfanterie ausrüstet. Für rund USD 19,85 millones wurde ein Paket von 22 Fahrzeugen aus einer ursprünglich 105 Fahrzeuge umfassenden Flotte übernommen.
Zu den Hintergründen: Der ursprüngliche Nutzer führte die Fahrzeuge ab 2003 ein; dort wurden die LAV III als NZLAV bekannt. Gefertigt wurden sie in Kanada in Werken von General Dynamics Land Systems. Zur Ausstattung gehört ein Turm mit der M242 Bushmaster-Kanone im Kaliber 25 mm als Hauptbewaffnung sowie ein koaxiales MAG-58-Maschinengewehr im Kaliber 7.62mm; ergänzt werden sie durch zwei 76 mm-Nebelgranatwerfer. Die Plattform gilt zudem als einsatzerprobt, insbesondere durch neuseeländische Operationen in Afghanistan, wo sogar ein Fahrzeug verloren ging und weitere durch improvisierte Sprengsätze angegriffen wurden.
Dass die Fahrzeuge nach Chile gelangen konnten, geht auf eine neuseeländische Bewertung aus 2012 zurück. Damals kam die Regierung zum Schluss, dass die Zahl der VCBR im eigenen Bestand über den festgelegten strategischen Bedarf hinausging – womit Verkäufe an interessierte Partner möglich wurden. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Größenordnung auf etwa 20 Fahrzeuge beziffert; bis 2019 wurde dieser Wert jedoch um weitere 10 Fahrzeuge erhöht.
Unabhängig davon verfügt auch das Chilenische Heer über eigene VCBR-Bestände, in diesem Fall den 6×6 Mowag Piraña I. Diese wurden lokal unter Lizenz durch Cardoen und FAMAE gefertigt; mehr als 200 Fahrzeuge befinden sich bei verschiedenen Regimentern der gepanzerten Kavallerie.
Nach über vier Jahrzehnten Dienstzeit – was eine kurzfristige Ersatzplanung nahelegt – wurden die Piraña in unterschiedlichen Rollen genutzt: Truppentransporter, Mörserträger (mit 120 mm-Systemen), Flugabwehr (mit zwei 20 mm-Kanonen), Panzerabwehr (mit einer 25 mm-Oerlikon-Kanone), Ambulanz und Gefechtsstand. Zur Nutzungsdauerverlängerung liefen Modernisierungsvorhaben wie Huracán III, wobei die Remotorisierung einzelner Fahrzeuge als wesentlicher Baustein gilt.
Kolumbien und eine von Kontroversen geprägte Beschaffung
Wie bereits beim argentinischen Beispiel angedeutet, erzeugen Rüstungsbeschaffungen häufig ebenso viel öffentliche Debatte wie militärischen Fähigkeitszuwachs. Ein besonders deutliches Beispiel sind die 8×8 LAV III, die heute beim Kolumbianischen Heer im Einsatz sind. Der Vertragsprozess wurde am 30. Dezember 2022 angestoßen.
Mit einem Finanzvolumen von über 300 millones de dólares geriet die Beschaffung ins Zentrum umfangreicher Ermittlungen der Fiscalía General de la Nación. In unterschiedlichen Berichten war von möglichen Überpreisen und mangelnder Transparenz bei der Auswahl die Rede – auch vor dem Hintergrund, dass mit demselben Budget entweder mehr VCBR oder technologisch leistungsfähigere Modelle hätten beschafft werden können. Konkret führte dies zu mehreren Vorladungen, unter anderem für den damaligen Verteidigungsminister Iván Velazquez, sowie für zahlreiche mit dem Projekt verknüpfte Verantwortliche im Ressort.
Zu den häufig angeführten Punkten zählte der Stückpreis: Die Fahrzeuge seien für 5.54 millones de dólares pro Einheit beschafft worden, was im Vergleich zu LAV III, die etwas mehr als ein Jahrzehnt zuvor eingeführt wurden, deutlich höher erschien – damals lag der Wert bei 2,62 millones de dólares pro Fahrzeug. Die Zweifel wurden zusätzlich durch Chiles Kauf gebrauchter Fahrzeuge genährt, bei dem ein Wert von 900 mil dólares pro Einheit im Raum stand; in Bogotá wurde dies als fragwürdiger Mitteleinsatz bewertet.
Hinzu kommt, dass Kolumbien bereits über eine eigene Flotte des Typs Textron M1117 4×4 verfügt – ein Truppentransporter mit ähnlichen Leistungsparametern wie der LAV III, etwa hinsichtlich transportierbarer Soldaten, Schutz und Kampferfahrung. Dieses Modell wurde ursprünglich 2011 beschafft, mit 67 ausgelieferten Fahrzeugen bis 2016; später kamen weitere 145 gebrauchte Fahrzeuge hinzu, die zu deutlich niedrigeren Kosten aus den USA erworben wurden.
Gerade weil VCBR in Kolumbien auch im Kampf gegen aufständische Gruppen eingesetzt werden, verschärft sich die Debatte bei Betrachtung günstigerer Alternativen mit ausreichender technischer Eignung. Dabei ist insbesondere die lokale Fertigung der Fahrzeugfamilien Hunter und Titán zu nennen, die bereits als erprobtes Design im kolumbianischen Heer galten und mit nur 500 mil dólares pro Einheit beziffert wurden – teilweise kompensiert durch den industriellen Impuls im Land. Vereinfacht ausgedrückt bedeutete dies: Für die Mittel eines LAV III ließen sich nahezu 10 Titán finanzieren.
Peru und die demonstrierte Nähe zu Südkorea
Abschließend ist Peru zu betrachten – und damit eine Beschaffung, die sich als bedeutender VCBR-Zugang bei dem wichtigsten Rüstungspartner des Landes abzeichnet: Südkorea. Lima hat mit Hyundai Rotem eine Rahmenvereinbarung geschlossen, um den Weg für die Aufnahme von 141 VCBR K808 White Tiger zu ebnen; zusätzlich sind 54 neue Kampfpanzer K2 Black Panther zur weiteren Stärkung des Heeres vorgesehen. Für Seoul wäre dies der bislang größte Verkauf gepanzerter Fahrzeuge an einen regionalen Kunden, was die enge Verbindung zwischen beiden Staaten unterstreicht.
Auch wenn die Beschaffung noch nicht abgeschlossen ist, sollte sie nicht nur technisch, sondern ebenso industriepolitisch eingeordnet werden – wegen der potenziell positiven Effekte für Peru. Das südkoreanische Unternehmen hat bereits signalisiert, im Rahmen des Forums „La Industria de la Defensa como Política de Estado“ eine Montageanlage auf peruanischem Territorium errichten zu wollen. Damit wären nicht nur der Betrieb und die Instandhaltung der beschafften Fahrzeuge abgesichert, sondern auch neue Arbeitsplätze über mehr als ein Jahrzehnt möglich.
Im Hinblick auf die derzeitigen Fähigkeiten ist hervorzuheben, dass Peru bereits über VCBR für die Marineinfanterie verfügt: den LAV II 8×8 Caimán. Die ersten zwei Fahrzeuge gingen 2015 an die Brigada Expedicionaria Anfibia, womit die Auslieferungen von insgesamt 32 Fahrzeugen anliefen. Die Beschaffung erfolgte über die Corporación Canadiense de Comercio und bewegte sich bei einem Investitionsvolumen von rund 67 millones de dólares. Seitdem nahmen die Fahrzeuge aktiv an unterschiedlichen Vorhaben teil, darunter die Übungen RIMPAC und UNITAS.
Bei diesem Los handelt es sich um die Variante APC, die den Transport von Teams mit bis zu acht Soldaten ermöglicht, zusätzlich zu den zwei Besatzungsmitgliedern, die zur Bedienung erforderlich sind. Bekannt ist außerdem, dass die Vereinbarung bei Vertragsabschluss die 32 Fahrzeuge in zwei Gruppen aufteilte: 24 Einheiten mit M-2HB QCB-Maschinengewehren im Kaliber 12.7 mm sowie die verbleibenden 8 Fahrzeuge mit MK-19-Granatwerfern im Kaliber 40 mm.
Zuletzt sollte auch eine bereits kleinere Flotte von BMR-600 im Bestand der peruanischen Marine nicht unerwähnt bleiben. Diese wurde seit den 80er-Jahren eingeführt, bis insgesamt 24 Einheiten erreicht waren. Im Laufe der Zeit reduzierte sich der Bestand laut Berichten bis 2014 auf nur noch etwa 16 Fahrzeuge; zudem wurden Exemplare an die Nationalpolizei gespendet. Als 2023 Instandsetzungsarbeiten für eine Entsendung in die UN-Friedensmission in der Zentralafrikanischen Republik (MINUSCA) durchgeführt wurden, betrafen diese lediglich 6 Fahrzeuge.
Bilder dienen nur der Veranschaulichung
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