Auf dem Planeten Hot-Hatch sind das gerade goldene Zeiten: Mégane RS und Golf GTI reifen zu echten Klassiker-Jahrgängen, der neue Astra VXR steht frisch in den Showrooms – und jetzt gibt’s unser endgültiges Urteil zum neuen Ford Focus ST.
Das definitive Urteil nach rund 5.300 Kilometern im Ford Focus ST
„Endgültig“ meinen wir wörtlich. So ein Urteil kann man eigentlich erst fällen, wenn man den Focus ST auf eine 3.300-Meilen-Quer-durch-den-Kontinent-Tour geschickt hat – eine dieser Missionen, die irgendwo zwischen ambitioniert und ziemlich dämlich liegen.
Die ganze Reise steht in der Juli-Ausgabe des TopGear-Magazins, am Kiosk ab 20. Juni. Hier die Kurzfassung: Der neue Focus ST ist verblüffend gut. Erhaben. Frisch wie gerade aus der Presse und gleichzeitig grandios. Das ist ein Auto, das man eine Woche lang wirklich 20 Stunden am Tag fahren kann – und danach trotzdem noch sofort wieder einsteigen möchte, um einmal um den Block zu fegen.
Antrieb, Verbrauch und Werte: weniger Zylinder, mehr Nachdruck
Ein Zylinder ist weg – und du wirst ihn kaum vermissen. Statt des 2,5-Liter-Fünfzylinders im alten ST arbeitet nun ein 2,0-Liter-Vierzylinder-Turbo, eine kräftigere Ausbaustufe von Fords bekanntem Ecoboost-Aggregat. Klar: weniger von diesem typischen Warbeln. Dafür auf der Habenseite: mehr Leistung – von 221bhp auf 247bhp – und zugleich bessere Verbrauchs- und Emissionswerte: fast 7,1 l/100 km und nur 169 g/km CO2.
Der Leistungszuwachs drückt den Sprint auf 0–100 km/h auf lediglich 6,2 Sekunden. Und der Schub im mittleren Drehzahlbereich kommt so vehement, dass er Sportwagen mit doppeltem Preisniveau ziemlich rabiat alt aussehen lässt.
Fahrdynamik ohne Sperrdifferenzial: Grip, Lenkung und Alltag
Anders als der neue Astra VXR kommt der Focus ohne mechanisches Differenzial aus. Stattdessen setzt er auf ein cleveres Torque-Vectoring, das per Traktionskontroll-Software ein durchdrehendes Rad gezielt abbremst. Das Ergebnis wirkt fast unlogisch: unfassbarer Grip. Wie ein frontgetriebener Hot-Hatch ohne Sperrdifferenzial (LSD) sich so konsequent gegen Untersteuern stemmt, kann ich dir nicht erklären – aber der ST tut es. Er krallt sich immer tiefer in Kurven, egal wie hart du ihn rannimmst, und er weigert sich, nach aussen zu schieben – selbst dann nicht, wenn der Beifahrer schon um Gnade fleht, während die Zentrifugalkraft ihn an die Seitenscheibe kleistert.
Vor allem die Lenkung ist ein Volltreffer: ein System mit variabler Übersetzung, das an den Enden des Lenkeinschlags schneller wird. Heisst: um die Mittellage angenehm beruhigt und stabil – perfekt für entspanntes Autobahnrollen – und gleichzeitig herrlich gierig, sobald es in eine enge Biegung geht.
Ja, wenn du im ersten oder zweiten Gang das Gas wirklich brutal durchtrittst, gibt’s ein leichtes Zerren in der Lenkung. Aber das bleibt völlig beherrschbar – Ford hat (gerade so) schon 350bhp über die Vorderräder des Focus RS500 auf die Strasse gebracht, da sind 247bhp ein Kinderspiel. Und mal ehrlich: Willst du nicht ein bisschen Antriebseinfluss in einem Hot-Hatch – als Erinnerung daran, dass hier ein echter Vorschlaghammer an Leistung arbeitet?
Auch die neue Generation behält die fast schon magische Geschmeidigkeit des Vorgängers: Selbst üble Spurrillen und Kanten verarbeitet er, ohne in Klappern oder dumpfes Wegsacken zu verfallen. Manche Hot-Hatches sind so knüppelhart abgestimmt, dass du für einen Mammut-Roadtrip gleich einen Kofferraum voller Ersatz-Wirbelsäulen bräuchtest. Der ST wirkt dagegen deutlich mehr … elastisch: organisch statt spröde. Wir hatten befürchtet, Ford könnte die Fahrwerks-Zauberei beim ungewohnt lethargischen Focus MkIII eingebüsst haben – umso schöner, dass sie offensichtlich wieder da ist. Das ist ein Auto mit einem Hauch Genie.
Kritikpunkte? Kaum welche. Dass es keinen dreitürigen ST gibt – Ford hat nicht einmal einen dreitürigen normalen Focus gezeigt, also ist eine heisse Version ohnehin weit weg – wird manchen Käufer abschrecken. Wobei: Für eine Kontinent-Tour will man ohnehin jede Tür und jeden Zentimeter Platz, den man bekommen kann.
Und dann ist der neue ST sogar ein kleines Schnäppchen – etwas, das wir über viele aktuelle Fords nicht sagen konnten. Los geht’s bei £21,995; ein Golf GTI startet bei £25,650, der Astra VXR bei £26,995. Der Vauxhall mag auf der Rennstrecke ein paar Zehntel schneller sein, aber im Alltag, auf jeder Strasse, ist das hier der beste Hot-Hatch, den du derzeit kaufen kannst. Vielleicht ist er sogar der beste „Alles-Könner“-Sportliche überhaupt …
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