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Pest im Neolithikum: Studie aus Dänemark und Schweden zum Rückgang der Bauern Europas vor 5000 Jahren

Archäologische Ausgrabung mit vier menschlichen Skeletten, Werkzeugen und DNA-Analyse auf Tablet im Freien.

Archäologinnen und Archäologen beschäftigen seit Jahren zwei miteinander verknüpfte Fragen: Weshalb nahm die Zahl der ersten bäuerlichen Gemeinschaften Europas vor rund 5000 Jahren merklich ab – und warum ebbte der Bau monumentaler Steinanlagen in Skandinavien fast vollständig ab? Eine neue Untersuchung aus Dänemark und Schweden liefert nun einen heiklen Ansatzpunkt: Möglicherweise traf die Pest die Menschen deutlich früher als bisher angenommen und könnte ganze Familienlinien ausgelöscht haben.

Ein rätselhaftes Sterben im Neolithikum

Forschende fassen den Befund häufig unter dem Begriff „neolithischer Rückgang“ zusammen. In vielen Gegenden Europas sinken in der späten Jungsteinzeit die Bevölkerungszahlen, Siedlungen werden verlassen, Großgräber werden nicht weiter belegt und umfangreiche Bauvorhaben werden eingestellt. Eindeutige Hinweise auf großflächige Kriege oder dramatische Klimakatastrophen fehlen jedoch.

An diesem Punkt setzt eine neue Studie an, die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurde. Ein internationales Team unter Beteiligung der Universität Kopenhagen und der Universität Göteborg untersuchte die Überreste aus skandinavischen Megalithgräbern mithilfe hochauflösender DNA-Methoden.

Die Daten deuten darauf hin, dass tödliche Pesterreger bereits 3000 Jahre vor der mittelalterlichen Pestwelle durch die Gemeinschaften früher Bauern zogen.

Die Arbeit stützt die Vermutung, dass wiederkehrende Infektionsereignisse die eng zusammenlebenden Dorfgemeinschaften der frühen Ackerbauern stark geschwächt und gesellschaftliche Strukturen ins Wanken gebracht haben könnten.

Was altes Erbgut über uralte Epidemien verrät

Für die Analyse erfasste das Team das Genommaterial von 108 Menschen aus neun Grabanlagen in Schweden und Dänemark. Einen Schwerpunkt bildete Falbygden in Westschweden, eine Region mit besonders vielen monumentalen Steingräbern.

Untersucht wurden insgesamt 174 Zähne sowie Knochenfragmente mittels „Shotgun-Sequenzieren“. Dabei wird das vorhandene Erbgut breit und ohne vorab ausgewählte Zielbereiche in vielen kleinen Fragmenten ausgelesen. Auf diese Weise lassen sich auch stark degradierte DNA-Spuren aus mehreren tausend Jahre alten Skeletten noch verwerten.

  • 108 Individuen aus der Jungsteinzeit
  • 9 Fundorte in Schweden und Dänemark
  • 174 Zähne und Knochenproben
  • 17 Prozent der untersuchten Menschen trugen Pesterreger in sich
  • 3 verschiedene Peststämme konnten rekonstruiert werden

Zusätzlich zur menschlichen DNA suchte das Team im selben Material gezielt nach Erbgut von Krankheitserregern. Dabei tauchte wiederholt Yersinia pestis auf – jenes Bakterium, das Jahrtausende später auch mit der bekannten Pestwelle des Mittelalters in Verbindung stand.

Familiengräber als stille Chronik von Seuchen

Die untersuchten Bestattungsplätze sind nicht bloß Ansammlungen von Knochen: Kombinationen aus genetischen Verwandtschaftsanalysen und Isotopenmessungen machen es möglich, Beziehungen, Herkunft und in Teilen sogar Aspekte der Lebensweise der Bestatteten nachzuvollziehen.

In einem besonders gut dokumentierten Grab rekonstruierte das Team den Stammbaum einer Großfamilie über sechs Generationen. Gerade dort fanden sich Hinweise auf mehrere Erkrankungsereignisse.

Mindestens drei Pestausbrüche innerhalb von sechs Generationen – und alle treffen dieselbe Familie: Die Gräber werden so zur Chronik einer wiederkehrenden Seuche.

Über alle Proben hinweg trugen rund 17 Prozent der untersuchten Personen Spuren des Erregers. Die Befunde sprechen eher für wiederkehrende Wellen als für einzelne, zufällige Infektionen. Zudem ließen sich drei unterschiedliche Peststämme rekonstruieren, die zeitlich nacheinander oder regional versetzt auftraten.

Was das über die damaligen Gemeinschaften verrät

Weil viele der infizierten Personen eng miteinander verwandt waren, lassen sich aus den Daten auch soziale Muster ableiten:

  • Die Anlagen wurden über viele Generationen hinweg von denselben Familien belegt.
  • Erkrankte und Nicht-Erkrankte wurden zusammen bestattet – offenbar ohne besondere Ausgrenzung von Seuchenopfern.
  • Die auffallend hohen Nachweise passen zu dicht besiedelten Siedlungen mit intensivem Alltagskontakt.

Solche Rahmenbedingungen begünstigen die Ausbreitung ansteckender Krankheiten – ein Risiko sesshafter Ackerbaugesellschaften, das Jäger-und-Sammler-Gruppen in dieser Form meist nicht hatten.

Eine andere Pest als die aus dem Mittelalter

Die nachgewiesenen Stämme unterscheiden sich klar von dem Erreger, der im 14. Jahrhundert als „Schwarzer Tod“ in Europa grassierte. Damals waren Flöhe, die auf Ratten lebten, ein zentraler Faktor der Verbreitung.

Für das Neolithikum zeichnen die Daten offenbar ein anderes Bild: Dem rekonstruierten Erreger fehlt ein entscheidender Baustein, der ymt-Genabschnitt. Dieser ist erforderlich, damit das Bakterium im Flohdarm überdauern und anschließend durch Flohbisse übertragen werden kann.

Ohne das ymt-Gen passt das klassische Bild der „Ratten-und-Flöhe-Pest“ nicht – die Krankheit dürfte vor allem direkt von Mensch zu Mensch gewandert sein.

Damit rücken andere Übertragungswege in den Vordergrund: Tröpfcheninfektionen, enger körperlicher Kontakt, verschmutztes Wasser oder verunreinigte Lebensmittel. In dicht bewohnten Häusern und bei mangelhafter Hygiene können Infektionszahlen so rasch ansteigen.

Wie eine Seuche Gesellschaften zermürbt

Wiederkehrende Schübe einer tödlichen Krankheit können Gemeinschaften langfristig umformen, selbst wenn einzelne Ausbrüche nicht stets extrem hohe Opferzahlen verursachen. Forschende nennen mehrere mögliche Folgen:

  • Dauerhafte Bevölkerungsverluste reduzieren die verfügbare Arbeitskraft in der Landwirtschaft.
  • Wissen und Traditionen brechen weg, wenn Schlüsselpersonen sterben.
  • Soziale Spannungen können zunehmen, etwa zwischen betroffenen und nicht betroffenen Familien oder zwischen Siedlungen.
  • Migration wird wahrscheinlicher, wenn Regionen ausdünnen und neue Gruppen nachrücken.

Ein solches Muster scheint sich auch in Europa abzuzeichnen: Nach der Krisenphase der jungsteinzeitlichen Bauern setzen sich zunehmend Migrantengruppen aus den eurasischen Steppen durch, die genetisch deutlich von den früheren Bauern abweichen.

Wie sicher ist die Pest-These wirklich?

Trotz der auffälligen Ergebnisse raten viele Fachleute zu Zurückhaltung. Die untersuchten Skelette stammen fast ausschließlich aus monumentalen Gräbern, in denen eher wohlhabende oder einflussreiche Personen bestattet wurden. Ein repräsentativer Querschnitt der damaligen Gesamtbevölkerung ist das nicht.

Aus vielen anderen Regionen Europas gibt es für diese Zeit bislang kaum vergleichbare genetische Datensätze. Ob die Pest tatsächlich flächendeckend verbreitet war, bleibt daher unklar. Einige Forschende vermuten zudem, dass parallel weitere Faktoren eine Rolle spielten:

  • Ernteausfälle und lokale Klimaschwankungen
  • Übernutzung von Böden durch frühe Landwirtschaft
  • Konflikte zwischen sesshaften Bauern und mobilen Hirten

Vor allem macht die Studie deutlich, dass Infektionen in Erklärungsmodellen für historische Umbrüche stärker berücksichtigt werden sollten. Krankheiten töten nicht nur Menschen, sondern können auch politischen und kulturellen Wandel beschleunigen.

Was moderne Methoden über alte Krankheiten verraten

Die Auswertung alter DNA hat ein neues Forschungsfeld geöffnet. Aus kleinsten Knochen- und Zahnresten lassen sich heute ganze Erregergenome rekonstruieren. Dadurch wird sichtbar, wie sich Bakterien über Jahrtausende verändert haben – und welche Merkmale sie besonders gefährlich machen.

Alte DNA wirkt wie ein Archiv vergangener Epidemien: Sie zeigt, welche Krankheit wann wo war – lange bevor jemand Schrift erfand.

Das ist nicht nur für die Geschichtsschreibung relevant, sondern auch für die moderne Medizin. Wenn nachvollziehbar wird, wie ein zunächst unauffälliger Umweltkeim zum gefährlichen Seuchenerreger werden kann, lassen sich Risiken künftiger Entwicklungssprünge besser einordnen.

Warum ausgerechnet Bauern so stark betroffen waren

Die frühen Ackerbauern Europas lebten meist enger, unter ungünstigeren hygienischen Bedingungen und häufig mit einseitigerer Ernährung als viele Jäger-und-Sammler-Gruppen. Das erhöhte ihre Anfälligkeit für Infektionen:

  • Dichte Dörfer erleichtern die Übertragung von Mensch zu Mensch.
  • Tierhaltung bringt neue Erreger aus dem Stall in Wohnbereiche.
  • Eintönige Ernährung kann die Immunabwehr schwächen.
  • Abfälle und Fäkalien sammeln sich in der Nähe der Siedlungen.

Damit verweist die Pest im Neolithikum auf ein wiederkehrendes Muster der Menschheitsgeschichte: Wo Menschen dicht beieinander leben und Tiere halten, wachsen Möglichkeiten – und zugleich die Risiken von Seuchen.

Wer heutige archäologische Funde betrachtet, sieht daher nicht nur Stein und Knochen, sondern auch leise Spuren früher Krankheitserfahrungen. In den Gräbern der ersten Bauern steckt nicht allein die Geschichte von Landwirtschaft und Megalithen, sondern ebenso die Geschichte einer Seuche, die lange vor dem „Schwarzen Tod“ ihre Kreise zog.

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