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Renault und Geely: Amorfo-Elektromotor mit 98,2 Prozent Wirkungsgrad

Weißes Renault-Elektroauto in modernem Showroom mit Ladestation im Hintergrund.

Ein neu entwickelter Elektromotor mit einer ungewöhnlichen Materialkombination sorgt in der Autoindustrie für hochgezogene Augenbrauen – und weckt Erwartungen an spürbar effizientere Hybridantriebe.

Renault und der chinesische Konzern Geely haben über ihr Gemeinschaftsunternehmen Horse einen Elektromotor präsentiert, dem ein Wirkungsgrad von bis zu 98,2 Prozent zugeschrieben wird. Was wie ein reiner Laborbestwert klingt, soll zeitnah in normalen Hybrid- und Plug-in-Hybridfahrzeugen eingesetzt werden – mit dem Ziel, den Energiebedarf im Alltag schrittweise zu senken.

Was hinter dem neuen Renault‑Geely‑Motor steckt

Horse ist das gemeinsame Unternehmen von Renault und Geely, das sich vollständig auf Antriebstechnik konzentriert. Dort entstand ein neuer E-Motor, der intern „Amorfo“ genannt wird. Die Besonderheit liegt nicht in noch stärkeren Magneten oder einer spektakulären Kühlung, sondern in einem eher unscheinbaren, technisch aber höchst anspruchsvollen Kernbauteil: dem Stator.

Der Stator ist der feststehende Teil des Elektromotors, um den sich der Rotor dreht. Üblicherweise werden Statoren aus laminiertem, kristallinem Elektroblech aufgebaut. Horse wählt stattdessen amorphen Stahl – also ein Metall, dessen atomare Struktur nicht geordnet kristallin, sondern ungeordnet ist.

„Der neue Motor erreicht laut Hersteller einen Wirkungsgrad von 98,2 Prozent – ein Wert, der selbst im Vergleich zu modernen E-Antrieben deutlich heraussticht.“

Gerade diese Unordnung soll dazu beitragen, dass sich bei schnell wechselnden Magnetfeldern weniger verlustreiche Wirbelströme ausbilden. Im Ergebnis geht es um das Einsparen kleinster Leistungsanteile, die andernfalls als Wärme verloren gehen.

Stahlbleche dünner als ein menschliches Haar

Neben dem Material ist vor allem die Blechdicke entscheidend, aus der der Stator zusammengesetzt wird. Horse nennt hier nur 0,025 Millimetern. Zum Vergleich: Ein menschliches Haar ist meist etwa 0,05 bis 0,08 Millimetern dick. Konventionelle Motoren arbeiten häufig mit Blechen, die ungefähr zehnmal dicker ausfallen.

Die drastisch geringere Dicke senkt die Wirbelstromverluste im Metall deutlich. Sinkende Verluste bedeuten weniger Wärmeentwicklung – und damit mehr nutzbare Antriebsleistung aus derselben elektrischen Energie.

  • Stärke der Statorbleche: 0,025 mm
  • Interne Verlustreduktion im Motor: bis zu 50 %
  • Angekündigter Wirkungsgrad: 98,2 %
  • Leistung: 190 PS
  • Drehmoment: 360 Nm

Mit diesen Leistungsdaten zielt Horse vor allem auf kompakte und mittelgroße Fahrzeuge ab, die als Hybrid oder im Range-Extender-Konzept unterwegs sind. Der „Amorfo“ ist damit weniger als Sportmotor positioniert, sondern als Effizienzbaustein für die Großserie.

Was 98,2 Prozent Wirkungsgrad in der Praxis bedeuten

E-Antriebe gelten schon heute als sehr effizient. Abhängig von Bauart und Betriebspunkt bewegen sich viele Motoren grob zwischen 93 und 97 Prozent. Vor diesem Hintergrund wirkt der Schritt auf 98,2 Prozent zunächst klein. In der Praxis ist jedoch bekannt: Je näher man den letzten Prozentpunkten kommt, desto aufwendiger und teurer wird jede weitere Verbesserung.

Horse stellt in Aussicht, dass sich die internen Verluste des Motors durch die neue Technik halbieren. Das bedeutet nicht, dass ein Fahrzeug dadurch insgesamt plötzlich nur halb so viel Energie benötigt – der Motor ist nur ein Baustein im Gesamtsystem. Der Effekt soll dennoch messbar sein.

„Auf Systemebene erwartet Horse etwa ein Prozent weniger Energieverbrauch – wenig fürs einzelne Auto, viel im Maßstab von Millionen Fahrzeugen.“

Ein Prozent klingt im Alltag unspektakulär. Hochgerechnet über rund 15 Jahre Nutzung, hohe Jahreslaufleistungen und grosse Flotten summiert sich das jedoch auf sehr grosse Energiemengen. Für Hersteller zählt am Ende jede eingesparte Kilowattstunde und jeder Zehntelliter, um Flottenziele sowie CO₂-Vorgaben einzuhalten.

Labor vs. Realität: Wie belastbar sind die Zahlen?

Die genannten 98,2 Prozent beruhen auf Herstellerangaben. Solche Werte entstehen typischerweise unter idealisierten Prüfbedingungen: exakt definierte Temperaturen, ein optimaler Lastpunkt, keine Alterung und eine perfekt abgestimmte Peripherie.

Im realen Strassenbetrieb wechseln die Anforderungen ständig. Der Motor arbeitet nur selten dauerhaft im optimalen Wirkungsgradfenster, Materialien werden warm und kühlen wieder ab, Magnete und Isolierungen altern. Viele Ingenieurinnen und Ingenieure kennen diese Differenz: Prüfstandswerte wirken häufig besser als das, was später Datensammler im Alltag ausweisen.

Renault und Geely haben bislang nicht konkretisiert, in welchem Modell der Motor erstmals in Serie verbaut wird und ab wann. Sicher ist lediglich: Der Motor ist bereits im Produktportfolio von Horse aufgeführt und damit grundsätzlich für alle Marken der Gruppen verfügbar – etwa Renault, Dacia, potenzielle Renault-Partner, aber auch Marken aus dem Geely-Umfeld wie Volvo oder Lotus.

Warum chinesische Konzerne beim Antrieb aufdrehen

Lange Zeit prägten vor allem japanische und europäische Hersteller das Thema effizienter Antriebe. Toyota und Honda setzten mit Hybridkonzepten Standards, und deutsche Premiumanbieter punkteten mit sehr ausgereiften E-Maschinen. Inzwischen drängen chinesische Marken darauf, dieses Feld nicht länger anderen zu überlassen.

Unternehmen wie Dongfeng und Changan haben jüngst Verbrennungsmotoren mit Wirkungsgraden nahe 50 Prozent angekündigt – für Ottomotoren ein sehr hoher Wert. BYD wiederum stellte einen E-Motor vor, der als besonders innovativ gilt und konsequent auf extrem niedrigen Verbrauch ausgelegt ist.

„Der Amorfo-Motor reiht sich in eine Welle neuer Antriebskonzepte ein, mit denen vor allem asiatische Hersteller Effizienzrekorde jagen.“

Für Renault ist die Zusammenarbeit mit Geely und die Bündelung der Antriebstechnik in Horse ein strategischer Schritt: Entwicklungskosten lassen sich teilen, Know-how kann gebündelt werden, und neue Anforderungen sollen schneller umgesetzt werden. Der Einsatz amorphen Stahls im Stator ist ein konkretes Ergebnis dieser Allianz.

Was amorpher Stahl eigentlich ist

Der Begriff „amorph“ wirkt zunächst abstrakt. In der Werkstoffkunde beschreibt er Materialien, deren Atome nicht in einem regelmässigen Kristallgitter sitzen, sondern eher ungeordnet verteilt sind. Glas gilt als klassisches Beispiel für einen amorphen Stoff.

In Elektromotoren kann das zwei Vorteile bringen:

  • Magnetische Eigenschaften lassen sich gezielter einstellen.
  • Verluste durch wechselnde Magnetfelder fallen geringer aus, weil sich weniger geordnete „Kanäle“ für Wirbelströme bilden.

Der Haken: Solche Bleche herzustellen ist teuer und technisch anspruchsvoll. Die extrem dünnen Schichten müssen hochpräzise gefertigt, gestanzt und anschliessend sauber gestapelt werden. Für eine echte Massenproduktion ist das eine erhebliche Herausforderung.

Was der neue Motor für Hybridfahrer bedeuten kann

Wer heute Hybrid- oder Plug-in-Hybridfahrzeuge fährt, spürt Effizienzgewinne häufig zuerst bei zwei Punkten: ein leiserer Lauf und weniger Abwärme. Sinkende innere Verluste erlauben zudem, die Kühlung kleiner zu dimensionieren – Lüfter müssen seltener auf höchster Stufe laufen, und das Gesamtsystem arbeitet entspannter.

Hinzu kommt der schleichende Verbrauchseffekt. Wird pro 100 Kilometer etwas weniger Energie benötigt, kann die elektrische Reichweite im Hybridbetrieb steigen. Im besten Fall bleibt das Auto länger im E-Modus, der Verbrenner wird seltener zugeschaltet, und seine Komponenten nutzen sich langsamer ab.

Interessant ist dabei, wie Hersteller den Motor ins Gesamtkonzept integrieren:

  • als Hauptantrieb in Vollhybriden
  • als E-Motor in Plug-in-Hybriden mit grösserer Batterie
  • als Teil eines Range-Extender-Konzepts, bei dem ein kleiner Verbrenner nur als Generator dient

Wie sich Effizienz im Alltag bemerkbar machen könnte

Am Ende zählt für Fahrerinnen und Fahrer die Tank- oder Stromrechnung – nicht die Nachkommastelle im Datenblatt. Praktisch kann ein Prozent weniger Energieverbrauch bedeuten, mit einer Tankfüllung oder Akkuladung einige Dutzend Kilometer weiter zu kommen.

Gerade bei Firmenflotten mit tausenden Fahrzeugen rechnet sich ein solcher, scheinbar kleiner Vorteil schnell. Weniger Energieverbrauch senkt nicht nur die Betriebskosten, sondern reduziert auch Emissionen über den gesamten Lebenszyklus. Das verschafft Herstellern zusätzlich Spielraum, stärkere Varianten anzubieten, ohne Flottenziele zu gefährden.

Technikinteressierte werden genau beobachten, wie sich der Motor in unabhängigen Tests schlägt. Sollten die Realwerte auch nur in die Nähe der angekündigten Effizienz kommen, könnte der Amorfo-Motor zur Blaupause für kommende Generationen von E-Antrieben werden.


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