Deutschland, Frankreich, Spanien und das künftige Kampfflugzeug der sechsten Generation FCAS stehen nach einer weiteren Vertagung zentraler Entscheidungen erneut im Zeichen der Unsicherheit. Weil Berlin und Paris weiterhin keinen gemeinsamen Nenner finden und sich zudem die Industriepartner Dassault Aviation und Airbus nicht einigen, bleibt ein Schlüsselprojekt der europäischen Verteidigung festgefahren. Für Spanien bedeutet das: Indra muss auf Klarheit warten – mit unmittelbaren Folgen für Investitionen, technologische Fähigkeiten und die strategische Planung.
Verschobene Entscheidung zwischen Berlin und Paris zum FCAS
Das Gespräch am Mittwochabend, dem 18. März, zwischen Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron – unmittelbar vor dem EU-Gipfel – galt als möglicher Durchbruch, um das Programm wieder auf Kurs zu bringen. Nach Angaben aus der deutschen Regierung kam es jedoch zu keiner endgültigen Einigung. Stattdessen beschlossen beide Länder, die Entscheidung bis Mitte April zu verschieben und zugleich einen „letzten Versuch einer Vermittlung zwischen den Industrien“ zu vereinbaren, der von Fachleuten getragen werden soll.
FCAS (Future Combat Air System): Konzept und strategische Bedeutung
Das Future Combat Air System (FCAS) wurde 2017 von Frankreich und Deutschland angestossen, mit dem Ziel, ein Luftkampfsystem der nächsten Generation zu entwickeln. Vorgesehen ist ein Verbund aus einem bemannten Kampfflugzeug, unbemannten Systemen und einer digitalen Combat Cloud. Spanien trat dem Programm später bei und ist über Indra eingebunden – in einer Struktur, die weit über industrielle Aspekte hinausgeht und politisch sowie strategisch in die Debatte um mehr europäische Souveränität in der Verteidigung hineinwirkt.
FCAS: Konflikt zwischen Dassault Aviation und Airbus als Kernproblem
Der zentrale Streitpunkt bleibt die Auseinandersetzung zwischen Dassault Aviation und Airbus über Führung, Kontrolle und Ausrichtung des Vorhabens, das mit rund 100.000 Millionen Euro bewertet wird. Nach dem derzeit bekannten Stand drängt Dassault auf ein Flugzeug, das stärker an den Anforderungen der französischen Streitkräfte ausgerichtet ist, und beansprucht Souveränität über wesentliche Entwicklungsteile. Airbus hingegen forciert eine andere Konfiguration, die näher an deutschen Prioritäten liegen soll – eine Differenz, die inzwischen sogar Spekulationen über getrennte Lösungswege befeuert.
In dieser Lage liess Dassault-CEO Eric Trappier erkennen, dass der Konzern notfalls nach Alternativen sucht, falls die bestehende Kooperationsarchitektur scheitert. „Wir werden andere Partner finden, wenn es nötig ist“, sagte er kürzlich – ein Hinweis auf den spürbaren Druck im Programm.
Aus Deutschland wurde zudem bekannt, dass Berlin Gespräche mit dem schwedischen Unternehmen Saab aufgenommen hat. Das verstärkt den Eindruck, dass Optionen geprüft werden, falls der FCAS-Blockadezustand nicht überwunden werden kann.
Spaniens Rolle über Indra: Combat Cloud, Technologien und Übergangsmassnahmen
Für Spanien ist der Fortgang des FCAS besonders wichtig, weil Indra als nationaler Koordinator vorgesehen ist und Verantwortlichkeiten unter anderem bei der Combat Cloud liegen – also jener digitalen Architektur, die bemannte Plattformen, Drohnen und Sensorik vernetzen soll. Indra hat über Jahre Kompetenzen in Bereichen wie Führung und Kontrolle, Radar sowie elektronischer Kampfführung aufgebaut. Gleichzeitig zieht das Programm Dutzende Unternehmen der Branche mit und eröffnet die Perspektive langfristiger Aufträge, die an Technologien der sechsten Generation gekoppelt sind.
Weil greifbare Fortschritte ausbleiben, hat die spanische Regierung Übergangsschritte eingeleitet, um industrielle und technologische Fähigkeiten zu stützen, solange die europäische Initiative stockt. Im Januar wurde das Programm Siagen aufgelegt und für etwa 540 Millionen Euro an Indra vergeben. Zuvor hatte die Regierung per Königlichem Dekret zudem ein Darlehen über 80 Millionen Euro an die von Airbus und Indra gegründete Vereinigung bewilligt – zur Untersuchung des sogenannten „Zukünftigen Nationalen Luftkampfsystems“. Das Vorhaben wird als zeitliche Absicherung verstanden, falls sich der FCAS weiter verzögert.
Deutschland, F-35 und externe Dynamik rund um sechste Generation
Parallel dazu nahmen in Deutschland Berichte über eine mögliche Erweiterung der Flotte an Tarnkappenjets F-35 von Lockheed Martin zu – eine Option, die Berlins Abhängigkeit von US-Militärtechnologie vergrössern könnte. Von Reuters zitierte Quellen sprachen davon, dass die Bundesregierung den Kauf von mehr als 35 zusätzlichen Flugzeugen prüfe. Ein offizieller Sprecher wies das jedoch zurück: „Es gibt keine Pläne und es gibt keine Entscheidung“. Auch das Verteidigungsministerium erklärte, es gebe keine „konkreten Pläne oder politischen Entscheidungen“ für eine erneute Beschaffung.
Die Unsicherheit um den FCAS fällt zudem mit Bewegung in anderen Programmen der sechsten Generation und wachsendem Interesse externer Akteure zusammen. Das indische Verteidigungsministerium teilte dem Ständigen Verteidigungsausschuss des Parlaments mit, man prüfe einen Beitritt zu einem der beiden grossen europäischen Konsortien, die derzeit vorangetrieben werden: FCAS oder das Global Combat Air Programme (GCAP).
Einen einschlägigen Auszug aus dem Dokument, der sich auf diese Frage bezieht, lautet: „Der Ausschuss wurde darüber informiert, dass zwei Konsortien an Flugzeugen der sechsten Generation arbeiten. Das eine ist ein Konsortium aus dem Vereinigten Königreich, Italien und Japan (Anm. d. Red.: das GCAP-Programm), und das andere ist ein Konsortium aus Frankreich, Spanien und Deutschland (Anm. d. Red.: das FCAS-Programm), und beide entwickeln Flugzeuge. Der Ausschuss wurde zudem darüber informiert, dass die Luftwaffe versuchen wird, sich mit einem der Konsortien zusammenzuschliessen und umgehend damit beginnen wird, einen Kampfjet der sechsten Generation in Betracht zu ziehen, um sicherzustellen, dass sie beim Erreichen des Ziels fortschrittlicher Luftfahrzeuge nicht zurückfällt.“
Hinzu kommt: Italien, das im GCAP gemeinsam mit dem Vereinigten Königreich und Japan Partner ist, liess verlauten, Deutschland „könnte diesem Projekt in Zukunft wahrscheinlich beitreten“, wie Verteidigungsminister Guido Crosetto erklärte. Vor diesem Hintergrund trifft die deutsch-französische Verzögerung nicht nur den Zeitplan des FCAS, sondern schafft auch Spielraum für industrielle und strategische Neujustierungen im Wettbewerb um den künftigen Kampfjet der sechsten Generation.
Bilder nur zur Illustration.
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