Die Alzheimer-Krankheit (AD) entwickelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer der prägenden Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit unserer Zeit. Weltweit erhält alle drei Sekunden irgendwo ein Mensch die Diagnose Demenz – und in den meisten Fällen lautet sie Alzheimer-Krankheit.
Aktuell leben rund 50 Millionen Menschen weltweit mit AD. Bis 2050 wird diese Zahl auf über 130 Millionen ansteigen.
Die Folgen für die Gesundheit der Betroffenen ebenso wie die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen werden enorm sein. Doch möglicherweise ist diese Entwicklung nicht unausweichlich.
Alzheimer-Krankheit vorbeugen
Ein Bericht der einflussreichen Lancet-Kommission aus dem Jahr 2024 kommt zu dem Schluss, dass sich bis zu ein Drittel der AD-Fälle allein dadurch verhindern liesse, dass bestimmte Risikofaktoren vermieden werden.
Zu diesen 14 veränderbaren Risikofaktoren zählen: traumatische Hirnverletzung, Bluthochdruck, Depression, Diabetes, Rauchen, Adipositas, erhöhte Cholesterinwerte, zu wenig körperliche Aktivität, zu hoher Alkoholkonsum, zu geringe Bildung, Sehverlust, Hörverlust, soziale Isolation und Luftverschmutzung.
So fundiert diese umfassende Liste wissenschaftlich auch ist: Für die breite Bevölkerung ist es alles andere als einfach, 14 getrennte Gesundheitsziele im Blick zu behalten und aktiv zu steuern – zumal Prävention oft Jahrzehnte vor dem Auftreten erster Symptome beginnen muss.
Genau hier liegt ein Kernproblem. Um es anzugehen, braucht es ein Präventionsmodell, das leicht verständlich und einprägsam ist – etwas, das viele Menschen unkompliziert annehmen, nachvollziehen und im Alltag umsetzen können.
Erfolgreiche Vorbilder gibt es bereits. Verbände zur Schlaganfallprävention nutzen etwa die Merkhilfe FAST (Face, Arm, Speech, Time), um Warnzeichen eines Schlaganfalls bekannt zu machen. Für die AD-Prävention fehlt bislang ein vergleichbares, alltagstaugliches Pendant.
SHIELD (Sleep, Head Injury prevention, Exercise, Learning, and Diet) könnte diese Rolle übernehmen. SHIELD bündelt die wichtigsten, sich überschneidenden Demenz-Risikofaktoren in fünf zentrale Säulen und liefert damit eine klare, wirksame Strategie zur Vorbeugung.
Schlaf
Im SHIELD-Ansatz bildet Schlaf eine tragende Grundlage. Gute Schlafgewohnheiten wirken als wichtiger Schutzfaktor gegenüber Demenz. Ausreichender Schlaf unterstützt die Leistungsfähigkeit des Gehirns, das Gedächtnis, die Stimmung und das Lernen.
Zu wenig Schlaf (weniger als fünf Stunden pro Nacht) oder Schlaf von schlechter Qualität (häufiges Aufwachen) – insbesondere in der Lebensmitte – erhöht das Risiko für kognitiven Abbau und Demenz. Anhaltend schlechter Schlaf begünstigt zudem die Ansammlung des Amyloid-Beta-Proteins im Gehirn, das mit der Entstehung von AD in Verbindung gebracht wird.
Schlechter Schlaf steigert ausserdem die Wahrscheinlichkeit für Adipositas, Bluthochdruck und Depression – allesamt Risikofaktoren für AD. Wenn Sie derzeit nur vier bis fünf Stunden pro Nacht schlafen, lohnt es sich, diese Gewohnheit zu verändern, um das spätere Demenzrisiko nicht zu erhöhen. Schlaf ist ein wesentliches Instrument zum Schutz des Gehirns und zur Prävention von AD.
Kopfverletzungen
Die Vorbeugung von Kopfverletzungen wird in Gesprächen über Demenz erstaunlich oft zu wenig beachtet. Dabei bestehen starke Zusammenhänge zwischen traumatischen Hirnverletzungen – einschliesslich Gehirnerschütterungen – und einem erhöhten AD-Risiko.
Solche Verletzungen entstehen in sehr unterschiedlichen Situationen und keineswegs nur im Profisport. Häusliche Gewalt in Partnerschaften ist beispielsweise leider weit verbreitet und stellt eine häufige, jedoch vernachlässigte Ursache für Kopftraumata dar.
Vorbeugung sollte früh ansetzen und ein Leben lang fortgeführt werden, weil sich Schäden im Verlauf der Zeit aufsummieren können. Umfassendere Sicherheitsmassnahmen (etwa bessere Helmdesigns, strengere Protokolle bei Gehirnerschütterungen im Kinder-, Jugend- und Erwachsenensport sowie Initiativen zur Vermeidung von Kopfverletzungen in sämtlichen Lebensbereichen) können wesentlich dazu beitragen, die langfristige Gehirngesundheit zu schützen und AD zu verhindern.
Bewegung
Regelmässige Bewegung ist möglicherweise die stärkste Lebensgewohnheit, um das Risiko für AD zu senken. Sport und körperliche Aktivität wirken direkt auf mehrere zentrale Risikofaktoren ein, darunter Adipositas, Bluthochdruck, hohe Cholesterinwerte und Depression. Darüber hinaus fördern sie das Wachstum von Gehirnzellen sowie Gedächtnisleistung und seelische Gesundheit.
Trotzdem ist Bewegungsmangel weiterhin verbreitet – besonders in Ländern mit hohem Einkommen, wo er möglicherweise zu bis zu einem von fünf AD-Fällen beitragen könnte. Bewegung ist nicht nur „Medizin fürs Herz“, sondern ebenso „Medizin fürs Gehirn“. Regelmässige Aktivität, selbst in kleinen Mengen, unterstützt ein gesünderes Altern des Gehirns und kann helfen, AD zu vermeiden.
Lernen
Lernen – in der Schule und darüber hinaus – zählt weiterhin zu den stärksten Schutzfaktoren gegen Demenz. Ein niedriger Bildungsgrad, etwa wenn die Sekundarstufe nicht abgeschlossen wird, steht mit einem deutlich erhöhten Demenzrisiko in Zusammenhang.
Lernen stärkt die „kognitive Reserve“ des Gehirns, also die Fähigkeit, trotz Schäden oder Erkrankung möglichst gut zu funktionieren.
Menschen mit AD behielten eine bessere geistige Leistungsfähigkeit, wenn sie ihr Leben lang weiter gelernt hatten. Botschaften der öffentlichen Gesundheit sollten lebenslanges Lernen in all seinen Formen fördern – vom Lesen und Sprachenlernen bis zu Hobbys, die das Gehirn aktiv halten.
Es ist weder zu früh (noch zu spät), eine weitere Sprache zu lernen oder das eigene Gehirn herauszufordern. Wer die kognitive Reserve ausbaut, stärkt damit auch die Widerstandskraft des Gehirns gegenüber AD.
Ernährung
Auch die Ernährung ist ein wichtiger Baustein für Gehirngesundheit und Demenzprävention. Kein einzelnes Lebensmittel schützt für sich genommen vor Demenz. Entscheidend ist vielmehr eine Kombination nährstoffreicher Lebensmittel, die das Gehirn insgesamt unterstützt.
Eine gesundheitsförderliche Ernährung kann das Demenzrisiko senken, indem sie Vollwertkost wie Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, Nüsse und Fisch betont und gleichzeitig stark verarbeitete Lebensmittel, rotes Fleisch und Süssigkeiten begrenzt.
Die Orientierung an Ernährungsmustern wie der Mittelmeer-Diät hat vielversprechende Ergebnisse beim Schutz vor kognitivem Abbau gezeigt. Die Mittelmeer-Diät ist eine gehirn- und herzgesunde Ernährungsweise, die sich an traditionellen Speiseplänen aus Ländern rund um das Mittelmeer orientiert.
Im Mittelpunkt stehen pflanzenbasierte Lebensmittel; Olivenöl dient als wichtigste Fettquelle, während rotes Fleisch, stark verarbeitete Produkte und zugesetzter Zucker reduziert werden.
Was wir essen, beeinflusst Entzündungsprozesse im Gehirn und die Gefässgesundheit – beides wird zunehmend mit AD in Verbindung gebracht. Eine gesunde Ernährung sollte sich dabei nicht wie Verzicht oder Strafe anfühlen, nur weil man die Gehirngesundheit verbessern möchte. Sinnvoller ist es, sie als positive Investition in langfristige Selbstständigkeit, geistige Klarheit und Energie zu verstehen.
Indem SHIELD die wissenschaftlichen Erkenntnisse vereinfacht, bietet dieses Rahmenkonzept einen realistischen, forschungsbasierten Weg zu besserer Gehirngesundheit. Solange keine Heilung verfügbar ist, bleibt Prävention das stärkste Werkzeug. Ansätze wie SHIELD schaffen einen Einstieg in praktikable, erreichbare Vorbeugung.
Die Alzheimer-Krankheit sollte nicht als zwangsläufiges Schicksal gelten. Die Prognose, dass es bis 2050 mehr als 130 Millionen Menschen mit AD geben wird, darf nicht als vorbestimmt hingenommen werden. Mit den richtigen Entscheidungen und Massnahmen können wir auf AD-Prävention hinarbeiten – indem wir die Gedanken und Erinnerungen von Millionen schützen.
Emma Twiss, Studentin im vierten Studienjahr der Lebenswissenschaften an der Queen’s University, hat an diesem Beitrag mitgeschrieben.
Donald Weaver, Professor für Chemie und leitender Wissenschaftler am Krembil Research Institute, University Health Network, University of Toronto
Dieser Artikel wurde aus The Conversation unter einer Creative-Commons-Lizenz erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
Kommentare
Noch keine Kommentare. Sei der Erste!
Kommentar hinterlassen