Der neue Renault Twingo gehörte zu den am meisten erwarteten Neuheiten des Jahres – und er hat nicht enttäuscht.
Das Warten hat ein Ende: Der Renault Twingo kommt nach Portugal – und wir sind ihn bereits auf den zerfurchten Strassen der spanischen Insel Ibiza gefahren.
Die Spannung war entsprechend hoch. Seit der Präsentation im Jahr 2023, damals noch als Prototyp, hat dieses Auto ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. So sehr, dass wir bei Razão Automóvel seit Monaten betonen: Das wird eine der wichtigsten Markteinführungen des Jahres.
Nach den ersten Kilometern ist klar, was viele ohnehin vermutet hatten: Der Twingo bringt den Renault 5 in „schwierige Bredouille“. Schaut selbst.
Rückkehr der Ikone
Wie schon 1992, als der Twingo erstmals auf den Markt kam, will auch diese Neuauflage die Regeln ein Stück weit neu schreiben – ein „Paukenschlag“ sein. Oder, etwas weniger dramatisch formuliert: frischen Wind bringen.
In einem Markt, der von grauen, austauschbaren Modellen geprägt ist, setzt Renault erneut auf ein farbiges, verspieltes Design mit echter Persönlichkeit. Mit dem Renault 5 ist der Marke der Retro-Design-Coup gelungen – und daran hat sie offenbar Gefallen gefunden.
Den ursprünglichen Twingo wiederaufleben zu lassen, ist dabei sogar die anspruchsvollere Aufgabe: Das A-Segment (Stadtwagen) hat in den letzten Jahren an Bedeutung verloren. Renault glaubt dennoch an diese Kundengruppe – vorausgesetzt, das Angebot stimmt und der Preis bleibt attraktiv.
Dem Original treu geblieben
Die zweite und dritte Twingo-Generation hatten mit der DNA des ersten Twingo, der unter der Leitung von Patrick Le Quément entstand, praktisch nichts mehr zu tun. Umso erfreulicher: Das neue Modell korrigiert genau das.
Ja, die klassischen Türgriffe sind verschwunden, und die Karosserie ist nun fünftürig. Trotzdem reicht ein Blick, um ihn zu erkennen: vorn die halbmondförmigen Scheinwerfer und die drei angedeuteten Lufteinlässe oben auf der Motorhaube; hinten eine klare Fortsetzung der ursprünglichen Leuchtengrafik sowie die charakteristische Form der Heckscheibe des alten Modells.
Ganz ohne moderne Details geht es natürlich nicht. Optional gibt es 18”-Felgen mit geschlossenem Design, die meiner Meinung nach nur bedingt zum Charakter dieses Autos passen. Zum Glück lässt sich das einfach umgehen: Die Basisversion rollt auf 16″-Rädern, deren Radkappen optisch an den Twingo von 1992 erinnern.
Unverändert geblieben ist auch das Van-ähnliche Karosseriekonzept. Aussen kompakt – und innen überraschend, sobald man sich hineinsetzt…
Grösse täuscht
Nicht täuschen lassen: Der Twingo ist wirklich kurz. Er misst nur 3,79 m (13 cm weniger als der Renault 5), nutzt seinen Innenraum aber hervorragend. So gut, dass man mich im im Artikel hervorgehobenen Video sagen hört, dass es im Fond des Twingo mehr Platz gibt als im Renault 5.
Wie das funktioniert? Die Erklärung ist simpel: Hinten sitzen die Einzelsitze auf einer Schiene mit 17 cm Verstellweg – sie lassen sich also nach vorn und hinten verschieben.
Dadurch sind bei der Kofferraumkapazität verschiedene Set-ups möglich: maximal 360 Liter (mit ganz nach vorn geschobenen Rücksitzen) – inklusive der rund 50 Liter im Fach unter dem Ladeboden. Sind die Rücksitze umgelegt, steigt das Volumen auf 1000 Liter.
Hat fast alles. Fast…
Der Innenraum überzeugt aber nicht nur über Platz. Renault setzt auf ein schlichtes, klar funktionales Layout – und angesichts des Preises ist die Ausstattung insgesamt stimmig.
Verbaut ist das aus den jüngsten Modellen bekannte OpenR Link mit integriertem Google und zwei Displays: 7” für die Instrumente und 10” fürs Infotainment. Dazu gehören Google Maps, Google Assistant sowie Zugriff auf mehr als 100 Apps im Play Store.
Positiv: Es bleiben echte, drehbare Regler für die Klimatisierung, physische Tasten am Lenkrad und zahlreiche Ablagen. Was ich vermisse, ist ein induktives Ladefach fürs Smartphone. Und der Startknopf wirkt mir zu futuristisch – er passt optisch kaum zum restlichen Interieur.
Ausserdem hätte ich mir gewünscht, dass Renault die mutigen, bunten Stoffmuster des originalen Twingo wieder aufgreift. Abgesehen davon gibt es an den Sitzen dieses kleinen Elektroautos wenig auszusetzen – ein bisschen mehr Farbe im Innenraum hätte ihm aber gutgestanden.
Ist die Reichweite ein Problem?
Ein Blick ins Datenblatt macht es schwer, die angegebene Reichweite zu ignorieren: 263 Kilometer mit einer LFP-Batterie – es ist der erste Renault-Stromer mit dieser Zellchemie – und 27,5 kWh Kapazität.
Auf den ersten Blick wirkt das begrenzt. Rechnet man jedoch ein, dass die grosse Mehrheit der europäischen Kundschaft weniger als 50 km pro Tag fährt, dürfte das in der Praxis selten zum Thema werden. Grössere Akkus könnten künftig folgen; falls nicht, läge es jedenfalls nicht am Bauraum – der Twingo nutzt eine verkürzte Variante der Basis des Renault 5.
Mit 60 kW (82 PS) und 175 Nm maximalem Drehmoment geht es in 12,1s von 0 auf 100 km/h; den Sprint auf 50 km/h erledigt er in 3,85s. Die Höchstgeschwindigkeit ist auf 130 km/h begrenzt. Auch das klingt vielleicht nicht spektakulär – aber mit nur 1200 kg fühlt sich der Twingo stets leicht, wendig und angenehm spontan an.
Sobald es kurvig wird, zeigt sich erwartungsgemäss eine spürbare Seitenneigung der Karosserie. Und fährt man etwas zügiger über eine Bodenwelle, sind die vertikalen Aufbaubewegungen klar wahrnehmbar – vor allem auf den Rücksitzen.
Das schmälert den Fahreindruck dennoch kaum: Er fährt unkompliziert, ist leicht zu bedienen und wirkt deutlich reifer, als es das Preisschild vermuten lässt. Genau das erwartet man von einem Modell dieser Klasse. Wer etwas anderes sucht, ist vermutlich im falschen Regal unterwegs.
Und beim Laden?
Hier liegt einer der Schwachpunkte: In der Basisversion (evolution) unterstützt der Twingo kein Laden mit Gleichstrom (DC) und bleibt bei Wechselstrom (AC) bei 6,6 kW.
Es gibt aber Abhilfe: Für 500 Euro lässt sich das Advanced Charge Pack bestellen. Damit steigt die AC-Ladeleistung auf 11 kW, und DC-Laden mit 50 kW ist ebenfalls möglich. So lässt sich von 10% auf 80% in nur 30 Minuten laden.
Der Preis ist das Ass
Den wichtigsten Punkt heben wir uns für den Schluss auf: den Preis. Renault hat es angekündigt – und geliefert. Der neue Twingo ist für unter 20.000 Euro zu haben.
Die Basisversion des Renault Twingo in der Ausstattung evolution startet bei 19 490 Euro. Die Topversion heisst techno und beginnt bei 21 090 euros. Sie bringt unter anderem das integrierte Google-System, ein Arkamys-Soundsystem mit sechs Lautsprechern, eine Klimaautomatik und abgedunkelte hintere Scheiben mit.
Genau diese Version würde ich ohne Zögern nehmen. Und wenn das nicht kontrovers genug ist, hier die nächste Aussage: Ich würde lieber den voll ausgestatteten Twingo kaufen als die Basisversion des Renault 5.
Ich bin damit wahrscheinlich nicht allein. Und genau das könnte für Renault zum Problem werden, wenn es darum geht, die Wahl des grösseren „Bruders“ des elektrischen Twingo zu begründen – der voraussichtlich mehr Marge abwirft.
So oder so: Es fällt schwer zu glauben, dass der Twingo nicht einschlagen wird. Für das, was er bietet, und zu dem Preis wirkt er wie das rundeste Produkt im Trio der Revival-Modelle der Marke. Mehr muss man eigentlich nicht sagen.
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