Vor 30 Jahren machte die Formel 1 mit der Einführung aktiver Systeme – allen voran in der Fahrwerks- und Federungstechnik – einen gewaltigen Sprung nach vorn. Einige der stärksten Rennwagen jener Zeit setzten darauf, und so konnte Williams die Saison 1992 praktisch nach Belieben bestimmen. Nigel Mansell stellte damals zudem einen neuen Bestwert für Siege eines einzelnen Fahrers in einem Jahr auf – insgesamt neun.
Trotzdem galt Mansell nie durchweg als „übernatürliches“ Ausnahmetalent. Kritiker argumentierten, der WM-Titel sei vor allem der überlegenen Technik des Autos zu verdanken, das schon damals von Adrian Newey entworfen wurde. „Das Einzige, was in diesem Williams FW14B nicht aktiv ist, ist das Gehirn des Fahrers“, lautete einer der härtesten Kommentare jener Zeit …
Heute können auch Autos auf unseren Strassen den Fahrer schnell zum vermeintlich „weniger klugen“ Teil des Gesamtsystems machen. Künstliche Intelligenz (KI) breitet sich rasant aus und rückt immer stärker ins Zentrum.
KI-Anwendungen und -Programme entstehen inzwischen täglich neu – mit dem Ziel, den Alltag leichter zu machen. In der Automobilindustrie sind die Erwartungen an diese Technologien besonders hoch, und ihr Einsatz wird in zahlreichen Bereichen mit hohem Tempo ausgebaut.
Zu sehen ist das etwa bei ChatGPT und anderen KI-Werkzeugen, die bereits auf den Displays vieler Fahrzeuge verfügbar sind. Dadurch rückt das Auto immer näher an die Idee eines Computers auf Rädern. Bislang stehen Interaktionen vor allem für Unterhaltung und Information im Vordergrund. Gleichzeitig wächst aber die Zahl der Funktionen, die direkt in Entwicklung und Produktion von Automobilen hineinspielen.
Fabriken voller „Neuronen“
Noch bevor ein Fahrzeug beim Kunden ankommt, hat KI oft schon entscheidend mitgewirkt. Audi setzt beispielsweise KI in den Montageprozessen ein, um Probleme mit Zulieferern frühzeitig vorherzusagen. So lassen sich Verzögerungen bei der Anlieferung von Komponenten vermeiden. Ereignisse wie extremes Wetter oder bewaffnete Konflikte belasten Lieferketten heute spürbar häufiger.
Darüber hinaus nutzt der Hersteller KI, um in der Fabrik in Neckarsulm, Deutschland, 1,5 Millionen Schweisspunkte an den 300 Fahrzeugen zu prüfen, die pro Schicht produziert werden. Das Ziel ist klar: weniger Fehler und eine höhere Qualität.
Auch bei Mercedes-Benz nimmt der Einsatz von Künstlicher Intelligenz deutlich zu. In Werken in Europa, Nordamerika und Asien ist das System MO360 AI Factory ein zentrales Werkzeug. Über einen mehrsprachig verfügbaren Chat erhalten Mitarbeitende Lösungen in Echtzeit – ob zu Fragen der Maschinenwartung oder zu Best Practices.
Ein weiteres Beispiel ist ein KI-basiertes Multiagenten-System, das komplexe Daten eigenständig auswertet. Es erkennt Muster und Qualitätsabweichungen und liefert praxistaugliche, umsetzbare Lösungen, die sich mit nur einem Knopfdruck aktivieren lassen.
Pilotprojekt
Auch BMW erzielt in diesem Feld Fortschritte. Das Projekt „GenAI4“, das im Werk Regensburg erprobt wird, verwendet KI, um für jedes der 1400 pro Tag produzierten Autos gezielte Inspektionen zu empfehlen. Zudem hat das Werk Dingolfing in Zusammenarbeit mit der Hochschule Landshut ein System entwickelt, das das Zählen leerer Behälter automatisiert – ein Ablauf, der Fehler reduziert und Zeit spart.
Generative KI geht dabei noch weiter: Auf Basis von Daten und Bildern ahmt sie menschliche Interaktionen nach, erledigt anspruchsvolle Aufgaben und kann sogar neue Inhalte erzeugen. Eine Studie von Accenture zeigt, dass 94% der Führungskräfte der Branche davon ausgehen, KI entwickle sich von Assistenz hin zu autonomen Handlungen. Und 96% sehen in Ökosystemen aus KI-Agenten in den nächsten drei Jahren eine grosse Chance.
Die Lösung für autonomes Fahren?
Am deutlichsten spürbar werden die Vorteile von Künstlicher Intelligenz für Verbraucher beim Thema autonomes Fahren – auch wenn diese Technologie langsamer in den Alltag kommt, als zunächst erwartet.
Noch vor einem Jahrzehnt war die Vorstellung verbreitet, unfallfreie Autofahrten und das mythische „Null-Tote“-Niveau seien bereits in greifbarer Nähe. Tatsächlich ist die Lage deutlich komplexer. Erste Systeme auf Level 3 funktionieren nur in bestimmten Verkehrssituationen, bei langsamer Fahrt oder – im besten Fall – bei Geschwindigkeiten knapp unter 100 km/h.
Dennoch gilt KI nun als neue Hoffnung. Die Zusage dahinter: riesige Datenmengen beherrschbar zu machen und damit die breite Einführung von Assistenzsystemen realistisch werden zu lassen. Entsprechend wird erwartet, dass künftig mehr Fahrzeuge diese Technologien in naher Zukunft integrieren.
In diesem Bereich konzentrieren sich die F&E-Abteilungen der meisten Marken darauf, die bestmögliche Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI zu gestalten. Der Ansatz ist einfach: KI soll das Verhalten des Fahrers vorhersagen und seine Leistung verbessern. Gleichzeitig entsteht Technik, die ihn intuitiv und natürlich unterstützt.
Zudem trägt KI bereits heute zu sichererem Fahren bei. Sie erkennt Gefahren wie Eis, Hindernisse oder andere Risiken und bietet sofortige Unterstützung, um Unfälle zu vermeiden. So entsteht eine Brücke zwischen menschlichem Fahren und einer autonomen Zukunft.
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