Der erste Aston Martin-Supersportwagen mit zentralem Heckmotor ist ein Plug-in-Hybrid. Aber das ist kein Problem …
Der Anti-Ferrari, den Aston Martin seit Jahren angekündigt hat, ist endlich Realität. Er heisst Valhalla, kostet mehr als eine Million Euro und wird auf lediglich 999 Exemplare limitiert. Portugal erhält acht.
Für die britische Marke ist es der erste Mittelmotor-Supersportwagen in dieser Liga – der Valkyrie spielt preislich und in Sachen Exklusivität in einer ganz anderen Sphäre. Entsprechend markiert der Valhalla einen echten Wendepunkt für Aston Martin, das seinen Ruf bislang vor allem mit eleganten GTs und Frontmotor aufgebaut hat.
Mit dem Valhalla lässt die Marke diese Tradition bewusst hinter sich und setzt auf einen Plug-in-Hybrid-Antrieb, um es mit der Vorherrschaft von Ferrari, Lamborghini und McLaren aufzunehmen. Ob das gelingt? Wir sind ihn bereits gefahren – und die ersten Eindrücke hätten kaum besser ausfallen können. Hier sind sie:
Vom Wind geformt: der Aston Martin Valhalla
Ein Supersportwagen muss selbst im Stand Wirkung zeigen. Genau das erfüllt der Valhalla – mit einer Karosserie, die ebenso dramatisch aussieht, wie sie funktional ist.
An diesem Exterieur ist keine Linie und keine Kante ohne Aufgabe entstanden. Der Valhalla wurde im Windkanal „modelliert“, um aerodynamisch so effizient und stabil wie möglich zu sein.
Gerade in diesem Bereich ist er für die Marke ebenfalls eine Premiere: Es ist der erste Aston Martin aus Serienproduktion mit aktiven Aerodynamik-Elementen an beiden Achsen. Vorne sitzt eine kleine Klappe unter dem vorderen Stossfänger, hinten arbeitet ein Flügel, der sich bis auf 51,5º anstellen kann, um als Luftbremse zu wirken, oder bis -8,5º, um den Luftwiderstand maximal zu reduzieren.
Bei 240 km/h kann der Valhalla rund 610 kg Abtrieb erzeugen – ein Wert, der bis zur elektronisch begrenzten Höchstgeschwindigkeit von 350 km/h gehalten wird.
Noch bemerkenswerter ist allerdings, dass beide Aero-Elemente stets als Einheit agieren: Sie passen sich fortlaufend an, um die Balance des Autos in jeder Fahrsituation stabil zu halten.
Ein weiterer Blickfang sind die dihedral öffnenden Türen. Sie geben dem Ganzen eine Portion Theatralik, machen das Einsteigen zu einem kleinen Ritual – und führen in ein Cockpit, das sich klar an der Formel 1 orientiert.
Der Fahrer steht im Mittelpunkt
Reduziert, konsequent fahrerzentriert und geprägt von sichtbar belassener Carbonfaser: So präsentiert sich das Interieur des Valhalla – und für sich genommen ist es bereits ein Erlebnis.
Die vordere Push-Rod-Aufhängung ermöglichte es, das Cockpit weiter nach vorn zu rücken und eine noch tiefere Sitzposition zu realisieren. Gleichzeitig liegt die Pedalerie höher als üblich, um die Aerodynamik nicht zu stören – auch der Unterboden des Valhalla wurde im Windkanal „geformt“, um die bestmögliche Performance zu erzielen.
Die Frontscheibe ist schmal und stark geneigt (die A-Säule sitzt deutlich weiter vorn als bei den meisten Autos), dennoch ist die Sicht nach vorn gut. Zudem ersetzt ein Kamerasystem nach hinten den klassischen Innenspiegel.
Sitze und Lenkrad bestehen jeweils aus einem einzigen Carbonfaser-Bauteil, wirken aber weniger kompromisslos, als es zunächst scheint: Sie bieten eine saubere Passform und sehr guten Halt, bleiben jedoch bequem genug für längere Etappen. Auch die Kopffreiheit fällt überraschend gross aus – sogar mit Helm.
Der Innenraum insgesamt ist bewusst schlicht gehalten und vermittelt klar das Gefühl eines Rennwagens. Er wirkt technisch, etwas kühl, und einige Bedienelemente teilt er sich mit anderen Aston-Martin-Modellen – etwa den Regler für die Fahrmodi und den Wählhebel der Transmission.
Die grösste praktische Einschränkung ist jedoch vermutlich der komplett fehlende Stauraum. Und mit „komplett“ ist wirklich „komplett“ gemeint: Es gibt keine Möglichkeit, selbst einen kleinen Rucksack oder eine kleine Tasche unterzubringen.
Ein technologisches Statement
Die schlanke Silhouette des Valhalla bleibt nicht unbemerkt und zieht unterwegs Blicke auf sich. Doch erst beim Blick auf das technische „Skelett“ dieses Supersportwagens wird klar, was er tatsächlich zu bieten hat.
Neben der Tatsache, dass es sich um den ersten Aston Martin aus Serienproduktion mit zentralem Heckmotor handelt, ist er zugleich der erste Plug-in-Hybrid in der Geschichte der britischen Marke aus Gaydon. Keine Sorge: Das ist (weit) davon entfernt, ein Nachteil zu sein.
Der Antriebsstrang kombiniert einen 4,0-Liter-V8-Biturbo (von Mercedes-AMG zugeliefert) mit 828 cv mit drei Elektromotoren (zwei Axialfluss-Motoren an der Vorderachse und ein Motor, der in das Getriebe integriert ist), die weitere 251 cv beisteuern.
In Summe stehen 1079 cv maximale Leistung und 1100 Nm maximales Drehmoment bereit. In Verbindung mit einem automatischen Doppelkupplungsgetriebe (bei Aston Martin eine Premiere) sprintet er damit in 2,5s von 0 auf 100 km/h und erreicht 350 km/h Spitze (elektronisch begrenzt).
Selbstverständlich kann dieses Hybridsystem den Valhalla auch rein elektrisch bewegen – wenn auch nur für kurze 14 km und bis maximal 140 km/h.
Technologisch ist das in mehreren Schichten gedacht und wirkt auf dem Papier hochkomplex. Auf der Strasse lautet die Devise jedoch: Einfachheit. Wie mühelos sich Drehmoment und Tempo auf den Asphalt bringen lassen, ist beeindruckend – ebenso wie die Art, wie sich der V8 kontrollieren lässt.
Er lässt sich erstaunlich leicht fahren und ausloten, mit sehr präzisen Rückmeldungen bei Lenkung und Bremsen (mit Brake-by-Wire-System und Brembo-Carbon-Scheiben, 410 mm Durchmesser vorn und 390 mm hinten). Dabei wird er selbst auf schlechten Belägen nie unangenehm.
Die Balance ist herausragend. Der Valhalla ist auf engen, verwinkelten Strassen kompromisslos schnell, ohne dafür eine übertrieben harte Abstimmung zu benötigen. Das spürt man daran, wie souverän er Unebenheiten im Asphalt herausfiltert.
Wenn man das Tempo steigert, mehr fordert und ihn auf die Rennstrecke bringt, schaltet er jedoch um und ruft: „Dabei!“. Im Race-Modus wird das Fahrwerk straffer, der Klang legt zu, das Fahrgefühl wird roher – und der V8 wirkt, als hätte er noch einmal spürbar mehr Lungenvolumen.
Auf der Strecke zeigt er alles: nicht bloss ein Strassenauto, das bei einem Trackday eine gute Figur macht, sondern eine echte Kurvenmaschine, die genau für solche Einsätze konzipiert wurde – und dort auch ausgenutzt werden will.
Ein Stück Traum
Je nach Konfiguration liegt der Preis des Aston Martin Valhalla bei rund 1,2 Millionen Euro. Das ist deutlich mehr als bei Modellen wie dem Lamborghini Revuelto oder dem Ferrari 849 Testarossa, die wir kürzlich auf der Rennstrecke getestet haben:
Die Briten sehen ihn allerdings lieber als eine eigene Kategorie: ein Auto zwischen diesen Supersportwagen und den exklusivsten Hypercars wie dem Ferrari F80 oder dem McLaren W1, die mehr als doppelt so viel kosten (im Fall des Ferrari sogar mehr als das Dreifache).
Genau deshalb wäre es zu kurz gegriffen, den Valhalla auf den Preis am Etikett zu reduzieren. Nach der Zeit mit ihm steht für mich jedoch fest: Das ist ein Gewinnerprodukt, das der britischen Marke die Tür zu einer neuen Kundschaft öffnet.
Er ist der erste Schritt von Aston Martin in eine neue Ära – die der Supersportwagen mit zentralem Heckmotor. Und dafür, dass er ein Debütant ist, fühlt sich dieser Aston Martin „wie ein Fisch im Wasser“ in einem Meer an, in dem man bislang vor allem Ferrari, Lamborghini und McLaren erwartete.
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