Name und erster Eindruck
Jemand stellte die Frage, ob der Name Soul ein Wortspiel mit Seoul sei – und der Mann aus der Kia-Zentrale reagierte sichtbar gereizt. „You English always ask about that.“ Offenbar hätten wir Engländer zuvor auch schon nach dem pro_cee’d gefragt. Nun ja: Es ist schliesslich unsere Sprache, die ihr da verunstaltet. Und ob dieses Auto tatsächlich „Soul“ hat, darüber urteilen wir – danke.
Neugierig war ich jedenfalls. Der Soul tauchte vor drei Jahren erstmals als Konzeptfahrzeug auf der Detroit Motor Show auf, und seither gab es mehrere kurze „Kuckuck“-Auftritte – möglicherweise habt ihr ihn letzten Sommer auf der Londoner Messe gesehen. Das Serienauto ist erstaunlich nah an dem, was die erste Studie damals versprochen hat.
Einordnung: Was der Kia Soul ist – und was nicht
Die eigentliche Spannung liegt darin, diese Absicht zu lesen. Ein SUV ist der Soul nicht: Eine Allradversion gibt es nicht, und es wird auch keine geben. Damit ist er noch weiter vom Gelände-Gedanken entfernt als ein Nissan Qashqai, sein naheliegendster gedanklicher Vergleich. Trotzdem trägt er etwas von dieser kräftigen SUV-Optik in sich, und man sitzt etwa eine Handbreit höher als in einem gewöhnlichen Kleinwagen – was den Überblick verbessert.
Gleichzeitig tut ihm seine MPV-ähnliche Höhe beim Kopf- und Beinfreiheit-Angebot im Fond gut, ohne dass ihn jemand für einen Mini-Van halten würde. Akrobatische Sitzkonzepte gibt es nicht, und aussehen wie ein Osterei will er auch nicht.
Wenn man mehr Worte dafür braucht, was er nicht ist, als dafür, was er ist, klingt das schnell nach Charakter-Leerstelle. Das wäre ungerecht. Auf Messeständen sah er schon stark aus, und auf der Strasse hat er tatsächlich eine sehr eigene visuelle Präsenz – zumal er nur minimal länger ist als ein Clio. Den Designern gebührt Lob dafür, dass sie das Konzept durch die üblichen Kräfte des Konzern-„Glattbügelns“ gebracht haben.
Kia Soul: Design, Proportionen und modische Spielereien
Die Proportionen sind geblieben: hohe Motorhaube, grosse Radhäuser, ein eher senkrechter Glashaus-Aufbau – und ungewöhnlicherweise liegt der höchste Punkt des Dachs vorne, am oberen Abschluss der Windschutzscheibe. Auch die Details wirken angenehm studiennah: dreidimensional wirkende, „juwelenartige“ Leuchteneinheiten vorn und hinten, und sogar die 18-Zoll-Räder bleiben erhalten – zumindest als Option.
Im Innenraum sind die „jazzy“ Materialien einer Studie allerdings fast vollständig dem Rotstift zum Opfer gefallen. Armaturenträger und Türen bestehen aus schlichtem Hartplastik. Die Teile sind jedoch ordentlich geformt, und die Aufpreisliste verrät ziemlich klar, wen Kia ansprechen will.
So gibt es ein Audiosystem mit kompletter iPod-Anbindung, einen riesigen Verstärker, Subwoofer und Türlautsprecher mit integrierten LEDs, die im Takt des Basses pulsieren. Einige limitierte Varianten sollen ein rotes Armaturenbrett bekommen, und sehr viele weitere immerhin ein rot lackiertes Handschuhfach-Innenleben. Juhu.
In dieselbe Richtung geht die Auswahl an übergrossen Aussenaufklebern: darunter Streifen, ein Hahnentritt-Muster für Motorhaube und Heckklappe sowie das, was sie ein „dragon tattoo“ nennen. Ehrlich: Ein Auto braucht eine Menge gestalterische Integrität, um solche Demütigungen auszuhalten.
Preise, Motoren und Ausstattung
Kia selbst rechnet zugleich damit, dass auch viele ältere Käufer zugreifen. Menschen, die alt genug – und klug genug – sind, zu erkennen, wie vernünftig dieses Auto im Kern ist: geräumig, leichtes Ein- und Aussteigen, sehr gute Rundumsicht, stumpfe Ecken, die beim Einparken helfen, und ein überzeugendes Preis-Leistungs-Verhältnis. Solche Qualitäten haben still und leise Tausende Ford Fusion an Leute verkauft, die jenseits der flüchtigen Reichweite von Mode und Stil leben. Der Soul erledigt dieselbe Aufgabe mit deutlich mehr „élan“.
Die Motorenwahl ist überschaubar: 1,6 Liter Benziner oder 1,6 Liter Diesel. Zum Verkaufsstart im März soll man mit dem Benziner auf 15-Zoll-Rädern und Radkappen bei etwa 11.000 £ einsteigen können; der Diesel liegt ungefähr 700–800 £ darüber. Die Ausstattungslinien und Extras dürften recht flexibel ausfallen, mit vielen Wahlmöglichkeiten. Das von uns gefahrene Auto käme vermutlich auf rund 16.000 £, plus/minus. Dabei waren Klimaanlage, ESP, 18-Zöller, die grosse Stereoanlage, ein freundlicherer Stoffbezug und eine Rückfahrkamera, deren Anzeige clever in den Innenspiegel integriert ist.
Fahrleistungen, Verbrauchs-Feeling und Geräuschkulisse
Der Benziner leistet 124 bhp, der Diesel 128 – doch vor allem der Benziner wirkt dabei eher zäh. Der Diesel ist dank seines höheren Drehmoments zumindest durchschnittlich kräftig. Trotzdem liegt das gesamte Thema Leistung/CO2 für ein kleines Auto etwas neben der Zeit.
Beide schaffen den Sprint auf 100 km/h in 11 Sekunden, und selbst der Diesel stösst 137 g/km aus. Ein 1,6-Liter-Diesel-Focus beschleunigt mit weniger Leistung schneller und kommt auf 119 g/km.
Hinzu kommt: Beide Motoren sind nicht gerade leise. Der Diesel brummt beständig vor sich hin, liefert sein Drehmoment dank Turbolader mit variabler Turbinengeometrie aber angenehm gleichmässig ab. Der Benziner wird dagegen ziemlich hektisch, wenn man ihn hoch dreht – was man tun muss, um die beste Performance herauszuholen.
Auf der Autobahn ist der Motorlärm allerdings noch das kleinere Problem, denn die Windgeräusche sind ausgesprochen hartnäckig. Da bekommt die schicke Anlage ordentlich zu tun, um sich gegen den Krach durchzusetzen.
Die Lenkung überrascht mit direktem Ansprechen und stimmiger Gewichtung. Wankbewegungen haben die Ingenieure mit straffen Stabilisatoren und Federn gut im Griff – bezahlt wird das mit einem recht harten Abrollen. Beim Diesel sind die Federn ohnehin strammer, weil er 100 kg schwerer ist; auf den 18-Zöllern wird das ziemlich unbarmherzig. Diese Kurvenschärfe passt nur bedingt zur eher mässigen Beschleunigung – vielleicht werde ich alt, aber ein softer abgestimmtes Fahrwerk hätte völlig gereicht.
Der Benziner auf 18 Zoll ist einen Tick komfortabler, und unser gemeinsamer Freund Tom Ford fuhr auch eine Version mit den serienmässigen 16-Zoll-Rädern; laut ihm wirkt sie spürbar kultivierter. Kleinere Felgen verwässern allerdings den Look, den die Konzeptauto-Optik so ausmacht.
Ja: Es ist der Stil, der dieses Auto verkaufen wird. Und dann die Erkenntnis im Autohaus, dass man weder den Kindern die Beine absägen noch das Fahrrad oder Surfbrett in der Mitte durchbrechen muss, um alles unterzubringen. Stil plus Platz in einem kleinen Auto – das ist eine seltene Kombination. Der Soul hat genug Substanz, um nicht bloss als kurzlebige Neuheit durchzugehen. Und mit der Zeit gewöhnen wir uns sicher an den Namen, der – immerhin – längst nicht so dämlich ist wie Qashqai.
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